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Gute Unternehmensführung
Denkzettel Nr. 73
17.01.2022

Hans Lindner: Bauunternehmer, Chancenerkenner, Stifter - In der Welt zuhause, in Arnstorf daheim

von Manfred Hoefle / Sandra Siebenhüter

 

 

„Erfolg besteht aus Können, Fleiß und Glück“, so lässt sich das Lebensmotto des inzwischen 80 Jahre alten Hans Lindner zusammenfassen. Der Klosterschüler in der Benediktinerabtei in Metten und Sohn einer Arnstorfer Gastwirtin und eines Holzhändlers brach nach der 11. Klasse die Schule ab, weil er lieber Geschäftsideen ersann als Latein paukte. Schon damals war das klare Ziel: Unabhängigkeit. Dazu war kein Weg zu weit und keine Chancen zu ausgefallen, um sie nicht zu ergreifen. 140 000 Kilometer mit dem Auto im Jahr war in den Anfangsjahren keine Seltenheit und Urlaub eher ein Fremdwort. Um halb fünf ins Büro, um sieben zum gemeinsamen Frühstück mit der Familie wieder kurz nach Hause, so ging es jahrelang.

Sein Erfolg gab ihm Recht: Im Landkreis Rottal-Inn, im 7000 EinwohnerOrt Arnstorf steht heute ein Bauimperium: Die Lindner Group. Ein führender Anbieter im Bereich Innenausbau, Gebäudehülle und Isoliertechnik. Mit Produktionsstätten und Tochtergesellschaften in mehr als 20 Ländern mit 7500 Beschäftigten und einer Stiftung für wohltätige Zwecke. In den letzten Jahren kamen weitere Unternehmen in anderen Branchen hinzu. Die vier Töchter, ihre Ehemänner und langjährige Mitarbeiter sind in Führungspositionen. 2020 feierte das Unternehmen sein 55jähriges Jubiläum.

Einfach mal anpacken – eine gute Idee ist der Schlüssel

Tüfteln, Ausprobieren und Anpacken, das zeichnete Hans Lindner schon als Schüler aus. Nach mehreren schulischen Umwegen und begeistert vom Bau ergab sich eher zufällig der erste Auftrag, eine Akustikdecke in einer Schule, die er eigenhändig mit zwei arbeitslosen Zimmerern einbaute. Eigentlich anders geplant – die Idee, skandinavische Fertighäuser in Deutschland einzuführen, wurde vom 23 Jahre alten Dipl. Betriebswirt FH, ausgebildet an der Fachhochschule für Holz in Rosenheim, schnell verworfen – entstand schließlich 1965 der Grundstock des heutigen Unternehmens: die Akustikbau Lindner GmbH. Schon sehr früh wusste Lindner wie es gelingen kann: Die Bedürfnisse der Kunden und des Marktes zu erkennen und im Vertrauen auf das eigene Können bei Chancen gleich zuzupacken, ohne die Risiken zu übersehen. Auch heute noch hat das „Tüfteln“ einen hohen Stellenwert in der Firma: Allein die Entwicklungsabteilung umfasst mehr als 200 Personen. Rückblickend zeigt sich: In all den Jahren gab es nicht „die Master-Strategie“ und auch nicht „das große Ziel“; was es gab, war die geistige und geschäftliche Offenheit, Gelegenheiten zu entdecken.

Der Börse den Rücken gekehrt – zurück zum reinen Familienunternehmen

1988 ging die Lindner Group als Lindner Holding KGaA an die Börse und der Zugang zu Investoren gab dem Familienunternehmen einen Schub. Die Neuen Bundesländer und Osteuropa mit den sanierungsbedürftigen Gebäuden und Wohnungen boten eine unerwartete Möglichkeit zu expandieren. Doch die mit dem Börsengang folgenden engen Berichtspflichten und die hohen Erwartungen auf ein schnelleres Wachstum, widerstrebten der unternehmerischen Einstellung des Firmengründers. Auf der Hauptversammlung 2005 wurde schließlich beschlossen, die Firma – die Familie war mit 80 Prozent nach wie vor der Hauptaktionär – von der Börse zu nehmen und die Minderheitsaktionäre auszuzahlen. Seitdem wird auch kein Jahresergebnis bekannt gegeben. Bis heute verfügt die Lindner Group über eine sehr hohe und stabile Eigenkapitalquote von mehr als 55 Prozent. 2020 wurde die Lindner-Gruppe von der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" als ein "Pionier der Wirtschaft" in Deutschland ausgezeichnet und in die "Hall of Fame der Familienunternehmen" aufgenommen.

Und dann kam der Staatsanwalt – umsonst

Am 8. Februar 2003 stehen plötzlich mehrere Staatsanwälte mit einem Hausdurchsuchungsbefehl vor dem Haus der Familie Lindner. Der Verdacht: Erwirtschaftung von Schwarzgeld und Transfer nach Afrika. "Auf einmal sagt jemand, du bist ein Betrüger. Und du musst es über dich ergehen lassen, dass man sogar deine Bettwäsche umkrempelt", erklärte Hans Lindner in einem Interview zu seinem 70. Geburtstag. „Das war eine ganz schlimme Situation in meinem Leben." Doch alle Ermittlungen verliefen im Sand.

Dem Mitmenschen verpflichtet – Geben ist eine Haltung

„Wenn man narrisch viel Glück hat im Leben, muss man schauen, auch andere mitkommen zu lassen. Das ist auch etwas, was mir in Metten mitgegeben wurde", so Lindner. Die Menschen durch Berechenbarkeit und Verlässlichkeit an die Firma binden und der Gesellschaft was zurückgeben ist die Richtschnur des Handelns. Begonnen hat es in den 1960er Jahren durch die Anwerbung und das Anlernen von Söhnen von Landwirten aus der Region für den Bau, von 100 türkischen Arbeitern in den 70er Jahren oder auch durch die heutige Förderung von Flüchtlingen. Eine echte Freude war die außergewöhnliche Integrations- und Berufskarriere des Afghanen Aziz, der sich 2015 vom ungelernten Flüchtling ohne Deutschkenntnisse innerhalb von fünf Jahren zum Trockenbaumeister hochgearbeitet hat.

Doch nicht nur im Kleinen wird geholfen, sondern auch im Großen: 1991 wurde die Hans-Lindner-Stiftung errichtet, die jährlich rund 2,5 Mio. Euro für gemeinnützige und wohltätige Zwecke aufwendet. Unterstützt werden soziale Projekte u.a. in Uganda, dort werden 200 Waisenkinder beschult und versorgt und in Rumänien wurden Sozialwohnungen saniert und ein Obdachlosenheim für „vergessene Kinder“ gefördert sowie Hilfs- und Qualifizierungsmaßnahmen für sozial Bedürftige gestartet. Von Arnstorf ausgehend betreibt die Stiftung die Arnstorfer Tafel für Bedürftige in zwei Landkreisen. Außerdem werden die Mehrgenerationenhäuser Parkwohnstift in Arnstorf und Tettenweis betrieben. Auch die Wissenschaft wird unterstützt: Eine Stiftungsprofessur für die Pflegesystementwicklung im ländlichen Raum sowie eine enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Existenzgründung und Unternehmertum am Campus der Technischen Hochschule Deggendorf und verschiedene Gründungsinitiativen in der Region Ostbayern zur Wachstumsförderung (GROW). Ebenso werden junge Unternehmer von der Existenzgründerstiftung Hans Lindner Institut (Motto "Hilfe zur Selbsthilfe") bei der Gründung begleitet.

Breit aufgestellt - der (Betriebs-)Familie verpflichtet

„Alles aus einer Hand und alles selbst“, so der Anspruch des Komplettanbieters für Decken-, Boden und Wandsysteme. Das Kerngeschäft wird erweitert durch Licht und Türen, Isoliertechnik, Fassaden und Gerüstbau. Die Liste der Referenzen mit großen Bauvorhaben ist lang und international: Der Hongkonger Flughafen, die BMW Welt München und die Moschee in Mekka, die Stavanger New Concert Hall, das Heydar Aliyev Cultural Center in Baku und die Philharmonie de Paris. Aber auch die Ausstattung von Kreuzfahrtschiffen, Krankhäusern, Schulen, Museen und Brauereien ist bei der Arnstorfer Firma in guter Hand. Auch in Sachen Digitalisierung ist das Unternehmen vorne mit dabei und programmiert mit über 150 IT-Spezialisten die benötigten Lösungen selbst.

Das Familienunternehmen wird nach diesen neun Grundsätzen geführt:

  1. Gute Mitarbeiter sind das Fundament, auf das wir bauen.
  2. Die Führungskraft ist Vorbild.
  3. Kleine Unternehmen im Unternehmen lassen den Mitarbeiter zu Erfolg kommen (Zur Erklärung: Die Mitarbeiter werden mit 15 % aus den erwirtschafteten Erträgen zusätzlich zum Gehalt am Unternehmenserfolg beteiligt.).
  4. Ausbildung, Weiterbildung und Förderung der Mitarbeiter schafft Führungskräfte.
  5. Neue Produkte und Ideen bauen unsere Marktführerschaft aus.
  6. Partnerfirmen sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Projektabwicklung.
  7. Internationalität ist eine Selbstverständlichkeit.
  8. Gewinne, gesundes Wachstum und Offenheit für Neues sind die Voraussetzung für sichere Arbeitsplätze.
  9. Nachhaltiges Handeln aus Verantwortung für nächste Generationen.

Zum 15. Mai 2020 wurde die Lindner AG, als der wichtigste und größte Teil des Geschäftsbereichs Bau der Unternehmensgruppe, zur Lindner SE (Societas Europaea) umgewandelt. Damit soll sichergestellt werden, dass auch zukünftig internationale Großprojekte „unabhängig und selbstbestimmt“, ganz im Sinne des Firmengründers, angegangen werden können ... und dass weiterhin gilt: In der Welt zuhause, in Arnstorf daheim.