Beschäftigungswunder Parabusiness

„In einem Jahr 580 000 neue Arbeitsplätze“, unter dieser Überschrift vermeldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen neuen Beschäftigungsrekord in Deutschland. Die absolute Zahl ist beeindruckend, deren Zusammensetzung aber irritierend. Denn von den Neueinstellungen der Privatwirtschaft in Deutschland (mit jeweils mehr als 100 je Unternehmen) entfallen 39 Prozent auf das Parabusiness.

Zu diesem Komplex von Managementdienstleistern zählen die vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (PwC, KPMG, Ernst & Young, Deloitte), die Strategie-/ Managementberatungen (Boston Consulting, McKinsey, Bain, Roland Berger) und die IT-/ Fachberatungen (Capgemini, Tata, Oliver Wymar, M-Plan, Porsche u.a.). Diese Unternehmen stellten 2018 13.500 Beschäftigte neu ein; davon die „Big 4“ 55 Prozent.
Im Vergleich: Die Industrieunternehmen (v.a. Porsche, Sartorius, Trumpf, Airbus, ZF Friedrichshafen) kamen auf nur rund 9000 Neueinstellungen. Der tertiäre Sektor, also Dienstleistungen im Bereich Handel, Verkehr, Immobilien, Ingenieur-/technische Dienste wuchs erwartungsgemäß ebenfalls stärker als der Industriesektor.

Parasitäres Wachstum

Die Expansion der Managementdienstleistungen ist ein starkes Indiz für ein verlangsamtes Produktivitätswachstum. Die größten Produktivitätshebel waren immer Innovationen – und diese entstehen weitgehend im sekundären Sektor. Grob gesagt: Die Innovationsdynamik vor allem von Großunternehmen hat nachgelassen und die Komplexität in den Unternehmen dagegen stark zugenommen.

Das erklärt das überproportionale Wachstum des Parabusiness. Im Wesentlichen waren folgende Ursachen dafür verantwortlich: verstärkte Regulierung, verschärfte Prüf-/ Nachweispflichten, komplexe (Steuer-) Gesetzgebung, ständige Neujustierung von Geschäftsprozessen, häufige Umstrukturierungen und Change-Programme - und nicht zuletzt die große Zahl nicht abgeschlossener und gescheiterten Projekte. Wesentlichen Anteil am Wachstum der Managementdienstleister hat das „Outsourcing“ von Leistungen bis hin zum Einkauf ureigener Managementaufgaben; aus vorgeblichen Kostengründen und einem notorischen Absicherungsverhalten. Ein starker Wachstumsimpuls kommt von der größeren Zahl von Unternehmenstransaktionen (M&A, Carve-/Spin-outs). Aggressives Marketing auf Seiten des Parabusiness, gestiegene Empfänglichkeit des Top-Managements für modische, professionelle, auch solche der Außendarstellung dienende Lösungen stützen den Trend. Man kann das auch als Ausfluss „manageristischer“ Praxis werten, zumal unternehmerisch geführte Unternehmen davon wenig erfasst sind. Das Parabusiness ist in hohem Maße US-bestimmt und mit industrieller Wertschöpfung wenig vertraut. (siehe dazu Denkschrift Nr. 23: Parabusiness – Die Vorherrschaft der USA). Übrigens: In jüngerer Vergangenheit hat sich die öffentliche Hand als lukrativer Klient aufgetan.

Wem nutzt dieses Wachstum?

Das Geschäft der Management-Dienstleister ist ein hochprofitables Geschäft (mit durchschnittlichen Tagessätzen von 2000 - 4000 Euro), ein expansives (mit zwei bis drei Mal so hohen Wachstumsraten wie die der Industrie). Die Attraktivität des Parabusiness auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Von den Absolventen teurer Business Schools streben mehr als die Hälfte in dieses „lohnende“ Jobsegment. Bei alldem: Was haben die Unternehmen langfristig davon? Bekanntlich sind Unternehmen mit einem hohen Parabusiness-Aufwand nicht erfolgreicher als solche, die sich diesbezüglich zurückhalten. Eigentlich müsste der Aufwand vor allem für allgemeine und Strategieberatung dem ohnehin hochdotierten Top-Management zugerechnet werden. Kostenwahrheit gilt schließlich für alle.
Zuletzt: Was hat die Volkswirtschaft davon, was die Gesellschaft? Wenn viele Talente nicht mehr dort arbeiten, wo das größte Produktivitätspotential liegt, sondern sich dort andienen, wo das meiste Geld verdient wird, hat man es mit einem ernsthaften Problem zu tun. Dem Zusammenhalt der Gesellschaft wird auch auf diese Weise ein schlechter Dienst erwiesen.

Januar 2019, Manfred Hoefle 

 

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