Logistik im Stau - Denkzettel 52 nachgeprüft

In „Logistik im Stau - Neue Lösungen dringend erforderlich“ vom März 2018 wurde auf strukturelle Fehlentwicklungen im Supply Chain Management (SCM) hingewiesen. Die zentrale, seit fast zehn Jahren vorgetragene Kritik lautet: Der Trend zu einer immer weiter (global) verteilten Wertschöpfung weist Systemfehler auf.

Diese Entwicklung war von drei Faktoren getrieben, nämlich der Nutzung von Kostenvorteilen an Billiglohnstandorten, der Reduzierung der Kapitalbindung und des Headcount in den eigenen Unternehmen. Die Folgen waren:

  1. Unterschätzung der Kosten der Transportkette gegenüber den Produktionskosten.
  2.  Ausweisung eines reduzierten Return on Capital Employed zu Lasten operativer Kosten.
  3.  Falscheinschätzung des Faktors Zeit in den sich entwickelnden Kundenmärkten und der Risiko- und Flexibilitätskosten der Lieferketten.
  4. Fehleinschätzung des Fortschritts der Produktionstechnik durch Digitalisierung. (Billigste Kunststoffhaushaltwaren können heute in Deutschland kostengünstiger als in China hergestellt werden.)
  5. Übersehen der kollektiven Ausrichtung weiter Teile der Wirtschaft auf eine einzige Strategie. (Zu Beginn der Weltfinanzkrise 2007 standen die Verkehrssysteme nicht nur in Deutschland, sondern global vor einen Kollaps. Statt auf einen Systemwechsel zu setzen, hat man SCM kosmetisch weiter optimiert.)

A.T. Kearney, Vorreiter und Promotor von SCM, wartet im Trendreport vom November 2018 („Competing in an Age of Multi-Localism“) mit der Feststellung auf, dass 89 % der von befragten Unternehmen sich mit der Umsetzung von Ansätzen zur Regionalisierung beschäftigen. Das Beratungsunternehmen kommt zum Schluss, dass das „Zeitalter der sogenannten „Multilokalisierung“ die Globalisierung ablösen werde. (Pressemitteilung vom 05.11.2018 ).

Die Praxis hat erkannt, dass die von mir kritisierte SCM-Doktrin überzogen wurde. Somit stellt sich die Frage: Wie glaubwürdig sind Strategieberater, die für sich in Anspruch nehmen, Orientierung bieten zu wollen? Das Kunstwort „Multilokalisierung“ lenkt von einer ehrlichen Antwort ab.

Dezember 2018, Andreas Seidel

 

https://www.atkearney.de/media-center/article/?%2Fa%2Fglobale-wettbewerbsstrategien-vor-dem-aus-die-zukunft-ist-multilokal

 

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