denkzettel
Nummer 44
 

Erfahrungswissen: zu wenig geschätzt

Klaus Demleitner

„Aus Erfahrung wird man klug“ sagt schon ein Sprichwort. Erfahrungen werden andauernd gesammelt, gewissermaßen in einem Kontinuum an persönlichen und unmittelbaren Begebenheiten. Man erfährt, erlebt, erfühlt etwas; etwas widerfährt einem. Das hat mit ganzheitlichem Empfinden zu tun, mit einer Rezeption durch alle Sinne, einer Fülle von Impressionen; nicht nur technisch, intellektuell, sondern auch emotional. Damit unterscheidet sich Wissen aus Erfahrung des analogen Wesens Mensch fundamental von Maschinenwissen.

Erfahrungen sind immer kontextbezogen, stehen im Zusammenhang mit Ort und Zeit, Personen und Situationen. Damit sind sie zunächst systemisch und nicht selektiv; auch in der Erinnerung, die ja Wissen begründet. Über die Zeit werden kumulierend unzählige Erfahrungen – gute wie schlechte – gesammelt, die Eindrücke hinterlassen, und so zu einer nachhaltigen Prägung einer Person führen.

Diese gewissermaßen evolutionäre Aggregation von Erfahrungen mischt sich mit angelesenem oder z.B. in Vorlesungen erworbenem abstrakten, theoretischen Wissen. Auf diese Weise wird Letzteres einem Realitätstest unterzogen, sozusagen validiert. Das manifestiert sich in einer Entität von Erfahrungswissen, was landläufig auf die Arbeitswelt bezogen mit Seniorität oder Berufserfahrung bezeichnet wird. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit bzw. entwickelt sich die Fähigkeit der Weitergabe solcher umfassenden Erfahrungen an andere („Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“). Traditionell wird das seit Jahrtausenden im Handwerk erfolgreich praktiziert. Der Meister als erfahrener Senior gibt seine Erfahrungen an den Lehrling weiter. Damit erfolgt implizit auch ein generationenübergreifender Übergang von Wissen.

Geradezu ad absurdum geführt wird die bewährte Kulturtechnik durch sogenannte management consultants, indem juniors ohne jegliche Erfahrung nur mit angelesenem oder eingetrichtertem Theoriewissen auf die Klienten losgelassen werden. Sprachlich findet sich diese Unterscheidung wieder in den Begriffen „Fachmann“ und „Experte“. Ersterer ist ein fachlich ausgebildeter und mit entsprechender Berufserfahrung ausgestatteter Mensch, der sein Metier beherrscht und souverän agiert. Letzterer, in der selbsternannten Ausprägung, glänzt mit Schein, wirft mit Schlagwörtern herum und ergeht sich in vereinfachten, einseitigen Konzepten, weil er sich teuer verkaufen will.

Damit Erfahrungen fruchten, braucht es beim Rezipienten einen wachen Geist, Aufnahmefähigkeit und -willigkeit, Offenheit sowie Respekt und Wertschätzung vor und für Situationen, Inhalte, Personen. Kritische Reflexion ist unabdingbar; sie ist verantwortlich für die Einordnung der Erfahrungen ins persönliche Wertegefüge. Erfahrungen werden sortiert, ergänzt, abgeleitet, gespeichert, verwertet, hinterfragt; das ist ein andauernder Prozess in der Persönlichkeitsentwicklung, im Entwickeln subjektiver Wahrheiten und Einschätzungen.

Leider funktioniert das Sammeln von Erfahrungen auch im Negativen. Exemplarisch, wenn sich rücksichtsloses Verhalten (vermeintlich) positiv auf die eigene Karriere auswirkt. So ist die „Führungskultur“ mancher Konzerne bzw. entsprechender Protagonisten auch Auswuchs dieser Art von Erfahrung. Kumulierende negative Eigenschaften (Ellenbogen, Rücksichtslosigkeit, Taktieren) rufen Nachahmer auf den Plan; es entwickeln sich Seilschaften, eine sich selbst bezeichnende Elite. Hier besteht Korrekturbedarf: Notwendig ist ein Paradigmenwechsel in der Lernkultur, indem z.B. bewusst Vorbilder (Erfahrungsträger) in und aus der Welt des Mittelstandes gesucht werden.

Werden Erfahrungen und damit eben dieses kontextuelle Wissen durch Meister, Vorgesetzte oder (i.d.R. ältere bzw. erfahrenere) Kollegen weitergegeben, entsteht innerhalb einer Organisation(seinheit) ein Erfahrungsschatz, der dauernd angereichert wird durch neue Erfahrungen. Dieses Organisationswissen ist in dieser Form und Wertigkeit nicht annähernd dokumentierbar und auch nicht kopierbar; dadurch trägt es zur Einzigartigkeit eines Unternehmens bei und repräsentiert geschütztes Wissen jenseits von Patenten und Gebrauchsmustern. Das gilt analog im kleineren Maßstab auch für Individuen. Gerade darum ist es wichtig, dass eben die Träger dieses Wissens wertgeschätzt werden. Sie verkörpern die Intelligenz und Kompetenz eines Unternehmens und nicht Akten oder Aktien.

Vor dem Hintergrund allseitiger Lippenbekenntnisse und der Proklamation eines Fachkräftemangels ist es eine Farce, wie hierzulande vielfach mit Menschen, die ja Träger der Erfahrung sind, umgegangen wird. Konzernchefs und Human Resources Managers haben, und tun das noch heute, aus kurzfristigem Gewinnstreben tausende ältere (= erfahrene) Mitarbeiter in den vorzeitigen Ruhestand geschickt; im internen Jargon: entsorgt aus Kostengründen und weil Junge noch formbarer (=gefügiger) sind. Das passiert unter zweifelhafter Mitwirkung von Gewerkschaften und mit tatkräftigem Support seitens der Politik in Form entsprechender Verordnungen bei Rente & Co. Mit diesen Frühverrentungsaktionen wurde und wird wissentlich volkswirtschaftliches und betriebswirtschaftliches Vermögen in Milliardenhöhe vernichtet.

Die Folgen sind dramatisch. Exemplarisch sei auf die vielen Projekte (darunter auch medial präsente Prestigeprojekte) verwiesen, die in desolatem Zustand sind, sich als Fass ohne Boden erweisen. Besonders in Projekten mit ihrem multidisziplinären, manchmal internationalen Gegebenheiten und Herausforderungen ist Erfahrung unverzichtbar. Sie bildet die systemische Klammer; dies umso mehr und dringlicher, als die Ausbildung junger Absolventen aus den Universitäten und Fachhochschulen immer spezialisierter und damit fragmentierter wird. Multidimensionale Aufgabenstellungen kann man nicht beantworten, indem man einen Haufen Fakten zusammenstellt; das erfordert Urteilsvermögen, Intuition - Erfahrung eben.

So zeigt die Erfahrung (und der "gesunde Menschenverstand"), daß es sinnvoll ist, bei einem grenzüberschreitenden Eisenbahnprojekt frühzeitig mit Genehmigungsbehörden jenseits der Grenze Kontakt aufzunehmen und mit entsprechenden Personen eine Zusammenarbeit zu starten. Diese formal richtig erst mit der Übergabe des fertigen Produktes zu beginnen, führt in praxi zu langwierigen und kostspieligen Verzögerungen. Erfahrene Projektingenieure wissen auch, dass sich im Sommer bei der Einfahrt in einen naturgemäß kühlen Tunnel Kodenswasser bildet und daraus Kurzschlüsse resultieren können mit der Folge des Stillstands des Zuges. Weil aber die erfahrenen Kollegen frühverrentet wurden, musste in einem Projekt diese mit viel Aufwand und Ärger verbundene Lernkurve nochmals durchlaufen werden.

Wesentlich ist bei der Weitergabe von Erfahrungen der persönliche Austausch. Im Gegensatz zur medialen Wissensvermittlung kann nur so Erfahrung als vertieftes, vernetztes, verwurzeltes Gut weitergegeben werden. Es werden synchron technisches Wissen, Rezepte, Sozialverhalten mit Bezug zu Aufgabe und Situation vermittelt vor dem Hintergrund der gesamten Erfahrung.

Diese tradierte Methodik steht seit geraumer Zeit in Konkurrenz zu „moderneren“ Methoden der Wissensverarbeitung und –weitergabe. Neben lexikographischen Werken kommen vermehrt sogenannte Unternehmens-wikis (in Anlehnung an Wikipedia) zum Einsatz. Im Zuge vermeintlicher Prozesseffizienz wurden in vielen Fällen der Erfahrungsaustausch abgeschafft und Austauschgruppen aufgelöst - so zum Beispiel über lange Zeit bei Siemens. Dort wird neuerdings im Zuge einer Rückbesinnung auf Erfahrungswissen "Corporate Memory" deklariert – ein trauriger Versuch generisch gewachsene, bewährte Prozesse im Erfahrungsaustausch nunmehr gesteuert und tool-unterstützt zu ersetzen. Vielfach wird versucht, Personen durch technische Systeme mit „analytischen“ Fähigkeiten zu ersetzen, die mit einer Fülle von abgefragtem Wissen programmiert und gefüttert wurden.

Der Erfolg solcher Bestrebungen lässt sich exemplarisch anhand von Begebenheiten in einer Autowerkstatt eines sogenannten Premiumherstellers darstellen. Ein erfahrener Kfz-Meister hört beim erfolglosen Startversuch einer Nobelkarosse ein Klacken und folgert: „Der Anlasser ist kaputt“. Der junge Kollege, der den Auftrag dann übernimmt, ist ausgebildeter Mechatronikexperte und schließt die Limousine an ein Diagnosesystem an. Ganze 36 (!) Stunden später signalisiert das Gerät über den Monitor: „Möglicher Defekt am Anlasser“. 1:0 für Erfahrung und gesunden Menschenverstand! Bei Methode 2 hat nicht nur der Kunde verloren, der hierbei „abgezockt“ wird und immer weiter in eine Abhängigkeit gerät, sondern auch die Mitarbeiter, denen systematisch Wissen vorenthalten wird und die so einer entsprechenden Entwicklungsmöglichkeit ihrer Fähigkeiten beraubt werden.

So hilfreich rechnerunterstützte Systeme partiell auch sein mögen, die persönliche Weitergabe von Wissen, das aus Erfahrung erworben wurde und den Lackmustest bestanden hat, ist durch nichts zu ersetzen. Das sollte auch wieder vermehrt ein Kriterium bei der Auswahl von Hochschullehrern sein; aus der Akademia in die Akademia ist eine Abkürzung, die langfristig nur schadet. Der Umweg über mehrere Jahre industrieller Tätigkeit und beruflicher Praxis war und ist immer noch eine Bereicherung.

Manchmal wird konstatiert, Erfahrung sei altes Wissen. Das stimmt nur bedingt. Eine entsprechende Einstellung vorausgesetzt, unterliegt Erfahrungswissen ja einem permanenten Prozess der Regenerierung, ist eine Folge lebenslangen Lernens. Es aktualisiert sich, synchronisiert sich mit neuen Erfahrungen In diesem Sinne umfasst Erfahrungswissen auch die Erfahrung in und mit Prozessen, im Besonderen auch den Umgang mit Neuem.

Letztlich ist die Frage, ob Erfahrungswissen durch Maschinenwissen ersetzt werden kann, eine Frage, welche Denkwelt und Kultur wir künftig haben wollen. Die Abhängigkeit von cloud-basierten Datenbanken, Algorithmen und Smart Devices und damit von einem Oligopol von Unternehmen (und deren wenigen Eigentümern), die Art und Weise der Wissensgenerierung und Zurverfügungstellung steuern, ist keine hoffnungsvolle Option. Oder wollen wir auch in Zukunft Personen mit Erfahrung wertschätzen, Wissensvermittlung als sozialen Akt in unserer Gesellschaft verstehen und die Tradition des generationenübergreifenden, erfahrungsbasierten Lernens pflegen, die Basis für alle Hochkulturen und unseren Wohlstand war und ist?

Klaus Demleitner, 30. August 2015