DENKZETTEL 
Nummer 34
 

Plädoyer für ein „Betriebssystem" für E-Automobile

Schon in konventionellen Automobilen ist heute der Elektronikanteil (incl. SW) bei hochwertigen Fahrzeugen bereits auf 35-40 % gestiegen, und er wird weiter zunehmen. Die IT-Welt hat die klassischen Strukturen durchdrungen. Denn „Das Internet wird nicht ins Auto kommen, sondern das Auto wird Teil des Internets" (E. Degenhart, Vorsitzender des Vorstandes Continental AG).

Eine neue Welt im Entstehen

Der Übergang zum elektrisch getriebenen Automobil erfordert ein grundsätzlich neues Design des Automobils und eröffnet damit völlig neue Perspektiven und Freiheitsgrade: Innerhalb des Automobils werden z.B. Einspritzsysteme durch Management von Elektromotoren ersetzt, Differentialgetriebe werden bei Radnabenmotoren nicht mehr in der konventionellen Art benötigt, Batteriemanagement kommt in eine völlig neue Dimension. Daneben findet, wie auch in klassischen Fahrzeugen, die Einbindung des Fahrers in die interne Automobilumgebung und in die externe Umgebung von Kommunikations- und Navigationssystemen statt. Darüber hinaus wird das Fahrzeug selbst immer mehr in die aktuelle Straßen- und Verkehrssituation eingebunden, es mutiert im Prinzip zu einem „sozialen" Vehikel, das sich mit den anderen Fahrzeugen abstimmt und situationsbezogen optimiert.

Die Herausforderung ist da

Es ist Gebot der Stunde, das darin verborgene Innovationspotential aktiv anzugehen. Da für das E-Automobil ein grundsätzlich neues Automobildesign notwendig ist, muss man dieses radikal in einer State of the art -IT Architektur neu realisieren. Gefragt ist ein „Betriebssystem", das die relevanten Anforderungen von Echtzeitbetrieb und Steuerungsmanagement, Multitasking und Mehrprozessor-management erfüllt und Schnittstellen sowie Treiberkapazität zu allen mechanischen, elektrischen und elektronischen Komponenten, zu beinahe beliebiger Anwendersoftware, von X-Drive über Batteriemanagement und Fahrerassistenzsystemen bis hin zu Location based Services und Wartungsmonitoring des Herstellers und vielem mehr ermöglicht.

Das Lösungspotenzial ist da

Ein Blick auf die mitteleuropäische Industrielandschaft und ihre Kernkompetenzen: Das Automobil-Knowhow Mitteleuropas inklusive der Zulieferindustrie einschließlich der Automobilelektronik ist weltweit Benchmark. Eine weitere Stärke ist das europäische Knowhow in der Automatisierungs- und Steuerungstechnologie, das Weltspitze ist und für den Betrieb des Fahrzeugs eine Schlüsselrolle einnimmt. In der Versorgung mit der entsprechenden Halbleitertechnologie von Embedded Solutions, dedizierten Controllern und Sensoren bis zu Leistungshalbleitern sind europäische Firmen weltweit voll wettbewerbsfähig oder sogar führend. Auch in den Applikationen von Internetfunktionalität ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit vieler europäischer Softwarefirmen gegeben.

Notwendig: der unbedingte Wille zur Innovation und Marktprägung

In einem radikalen Neuansatz muss ein Basissystem für das vollelektrische Automobil entwickelt werden, das - projiziert auf das Automobil - in seiner Funktion in etwa dem eines Betriebssystems für einen Computer oder für ein Smartphone entspricht. Bei den gegebenen Kompetenzen und der Marktmacht einiger Hersteller sollte dieses System als defacto-Standard positioniert und weltweit durchgesetzt werden. Die beteiligten Firmen haben die Chance, ein „Microsoft des Automobils" zu werden. Unternehmerisches Handeln und starker Kooperationswille sind dafür unabdingbar.
Dr. Heinrich Stuckenschneider, 8. Juli 2014