Staat — Wegbereiter von Innovation

Warum und wie der Staat mehr dafür tun muss.

Manfred Hoefle

 

Wir haben die Wahl: Die Zukunft zu gestalten oder von ihr beherrscht zu werden.

 

ZUSAMMENFASSUNG 

BESORGNISERREGENDE SITUATION 

WAS KANN, WAS MUSS DER STAAT TUN 
1. Für eine innovationsförderliche Grundstimmung sorgen
2. Gesellschaftlich erwünschte, anspruchsvolle Langfristziele setzen
3. Für eine zukunftsgerichtete breite Aus-/Bildung sorgen
4. Produktive Innovationsplattformen bereitstellen
5. Eine Regulierung betreiben, die Raum für Dynamik lässt
6. Zukunftsaufwand steuerlich vorteilhaft behandeln

NOTWENDIGER AUFBRUCH 

LITERATUR und LINKS 

Die Aussagen sind einer Denkschrift gemäß absichtsvoll pointiert. Der Autor dankt Armin Sorg für wertvolle Hinweise.

 

ZUSAMMENFASSUNG

Zu Recht heißt es, dass man aus der eigenen Geschichte lernen sollte. Deutschland hat Zeiten umwälzender Innovationen vorzuweisen, in erster Linie die sogenannten Gründerjahre nach der Reichsgründung von 1871. Was zeichnete sie aus? Ein bildungsbeflissenes Bürgertum mit Hoffnung auf sozialen Aufstieg, eine vielfältige Universitätslandschaft mit starken Forschungspersönlichkeiten, eine organische Zusammenarbeit von Hochschulen und Industrie, viele Gründungswillige, die im schumpeterschen Sinne Neuerungen voran brachten und am Markt durchsetzten, wagnisbereite Banken, die sich auf die umsichtige Finanzierung von Unternehmen konzentrierten (wie die damalige Deutsche Bank unter Georg von Siemens), aufgeschlossene Abnehmer, allen voran der Staat als neuerungsfreundlicher  „Infrastrukturunternehmer".

Und heute? Mit Ausnahme der Automobilindustrie, des Maschinen-, Anlagen- und Apparatebaus - im Wesentlichen mechanisch-elektrische Technologie -, auch von Teilen der Chemie, ist Deutschland kein Referenzmodell für Innovation. Das zeigen internationale Vergleiche und Indikatoren wie „The Global Innovation Index", nach dem Deutschland an 13. Stelle von 143 Ländern liegt. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Nischen, die von innovativen Mittelständlern, den Hidden Champions besetzt sind, und vereinzelte Spitzenpositionen in der Werkstofftechnik, Spezialchemie, Sensorik und bei Lasern.

Das Land, die Wirtschaft ist bezogen auf den Paradigmenwechsel hin zur Digitalisierung vorne nicht dabei. Zu verzeichnen ist eine strukturelle Degradation bei allen Kennzeichen eines dynamischen Industrielandes. Die schleichende Abwärtsbewegung ist von einer statistisch hervorragenden Beschäftigungslage und einer günstigen Produktivitätssituation überlagert, die Politik, Verbände, Arbeitnehmervertretungen und sogar die Unternehmen sichtlich zufrieden stellt.

Doch es gibt allen Grund zur Sorge. Die Politik ist mit den Querelen zu Gerechtigkeit und Gleichheit ausgelastet und hat nur mehr wenig Voraussicht und Energie für die Zukunft übrig. Von der konsensbestimmten Politik gehen keine Signale für den dringend nötigten Aufbruch aus, von ihr werden keine glaubhaft herausfordernden Ziele gesetzt. Und die Wirtschaft lässt, vor allem in den kapitalmarktgetriebenen Gesellschaften, den notwendigen Angriffswillen vermissen, der für Innovation unabdingbar ist. Das Gründungsgeschehen ist im Großen und Ganzen viel zu wenig dynamisch. Das Innovationsklima ist trübe, die Prioritäten gegenwartsfixiert, auf Subventionierung und Reparatur angelegt.

Für Deutschland, und auch für Europa, ist es ein fatales Versäumnis, das Land nicht auf die Zukunft vorzubereiten, der Wucht der Digitalisierung und der sich abzeichnenden Dominanz einiger weniger nichteuropäischer Digital Monopolists nicht koordiniert und kraftvoll zu begegnen.

Die wichtigsten Ansatzpunkte sind in dieser Denkschrift genannt und erläutert, historische Parallelen aufgeführt. Mit der Einzug gehaltenen Bedächtigkeit, mit der autosuggestiven Haltung vieler DAX-30 Chefs, dass sie sich vor Google & Co nicht fürchten, und mit Deklamationen wird angesichts eines weltweit dynamischen Innovationswettbewerbs wenig - um nicht zu sagen nichts - erreicht.

BESORGNISERREGENDE SITUATION

Nur zwei Fakten: Wenn Patente als Näherungsgrößen für innovatorische Dynamik genommen werden, dann ist der Zustand höchst unerfreulich und umso mehr die Zukunft Deutschlands nicht hoffnungsvoll. Warum? Das größte Wirtschaftsland Europas ist in zwei der fünf innovativsten Branchen, nämlich in der Computertechnik und in der Telekommunikation, auf die (weltweit) rund 44% aller Patente entfallen(1), marginalisiert.
Und: Das weltweit führende Automatisierungsunternehmen Siemens hat sich zusammen mit Bosch dem von den USA initiierten Industrial Internet Consortium (IIC), das im Kern eine koordinierte politisch-industrielle Vorwärtsstrategie der USA zur Erringung der Vormachtstellung in dem bisher vernachlässigten Bereich des Manufacturing ist, angeschlossen; nachdem es wegen mangelnder Zielstrebigkeit nicht gelungen war, etwas Eigenständiges / Europäisches auf die Beine zu stellen.(2)

Diese beiden besorgniserregenden Tatsachen spiegeln sich nicht in der politischen Agenda Berlins und auch nicht Brüssels wieder. Dort läuft Innovation unter ferner liefen. Gerechtigkeits-/ Verteilungsthemen besetzen beständig die ersten Plätze. Das ist einmal der vorgezogene Rentenbeginn - eine unverständliche Maßnahme angesichts einer sich seit langem aufdrängenden demographischen Fehlstruktur -, dann sind es die Diskussionen zu Steuerbelastungen und leidige Dispute zu Gender-Quoten. Dazwischen kommen unverhoffte Ereignisse wie die NSA-Affäre, die Ukraine-Krise, der ISIS-Terror, immer wieder der ambivalente Euro zusammen mit den üblichen Problemländern. Warten müssen die Fragen der inneren Verfassung und Identität, der Vorsorge und der Zukunftsfähigkeit, damit die Innovation. Vergessen ist die verheißungsvolle Deklaration von Lissabon 2010, nach der Europa an die Spitze des Fortschritts gelangen sollte. Kurz: Viel Makulatur, wenig substantielle Vorsorge.

Derweil wächst die Angst, von der Politik kleingeredet oder nicht einmal registriert, vor einer US-Hegemonie in der digitalen Zukunft. Die Hinweise dafür häufen sich in erschreckendem Maße. Doch vor dem Hintergrund statistischer Vollbeschäftigung und sich auffüllender Kassen ist der Verlust an Dynamik und Zukunftsorientierung schwerlich zu spüren. Zwar wird immer wieder ein Zukunftsgipfel anberaumt, zuletzt der "IT-Summit" im Herbst letzten Jahres in Hamburg; kurz danach ist die mediale und politische Aufmerksamkeit schon wieder bei anderen Themen, aktuell Innere Sicherheit, Einwanderung und Asyl. Verbandsvertreter, Politiker und viele Ökonomen reden eine den Wohlstand sichernde Einwanderung herbei und verkennen die schwindenden Zukunftsaussichten aufgrund der mangelnden Fähigkeit zur Erneuerung der wirtschaftlichen Basis.

Die Zukunft hat in der Politik ihren angestammten Platz verloren, obgleich ein Aufbruch dringend nottut. Und in der breiten Öffentlichkeit ist das Bewusstsein geschwunden, dass Lebensstandard, Innovationsstärke und Wettbewerbsfähigkeit eng miteinander verbunden sind. Ein Anschauungsbeispiel verfehlter Politik und verpasster Chancen ist in dem ehedem industriellen Kraftzentrum Ruhr zu besichtigen(3), wo bis dato weit über 100 Milliarden Euro für die Kohleförderung "verbrannt" wurden. Wie viel wurde in die Zukunft investiert?

Jüngste Reaktion: hektisch und hinterher laufend
Man erinnere sich an Fukushima. Am Anfang stand der spontane Beschluss, aus der Kernkraft sofort auszusteigen. Weder war eine Langfristperspektive erkennbar, noch lag ein technisch-wirtschaftliches Gesamtkonzept vor, jedoch ein überparteilicher Spontankonsens. Dann brach ein Geschachere von Parteien, Investoren, Regionen, Wirtschaft aus, auf welches Pferd im Karussell der alternativen Technologien zu setzen sei. Das Ergebnis ist in der Zwischenzeit unübersehbar: stark gestiegene Stromkosten vor allem für die Endverbraucher, Überschusskapazitäten bei Wind und Solar, die Stilllegung und Demontage effizienter Kraftwerke, Netzprobleme mit Nachbarstaaten, stabile Subventionsgewinne (hier trifft der Begriff "Windfall Profits" buchstäblich zu) bei einigen neuen Betreibern, wenige ausgereifte dezentrale Clean & Smart Energy-Lösungen. Vor der Energiewende war die Anbietersituation in oligopolistischen Strukturen verfestigt und auf Abschöpfung des heimischen Marktes ausgerichtet. Die Übergewinne wurden dann in Ventures im Ausland "angelegt". Für die Zukunft dagegen hatte man das Geld nicht: zu effizienten Formen der Energiespeicherung, neuer Solartechnik, „smarten" Netzen und dezentralen Lösungen. Vorausschauendes Handeln war auf Seiten der Politik als auch auf Seiten der großen EVUs sichtlich Mangelware.

Nachahmenswerte Reaktion: koordiniert und kraftvoll
Ende der 1970er-Jahre wurde man in Industriekreisen der großen Abhängigkeit Deutschlands in der Mikroelektronik von den USA und Japan bewusst. Die starke Stellung der US-Unternehmen Fairchild, Intel, Texas Instruments, AMD, Motorola und die rapid zunehmende Überlegenheit japanischer Elektronikkonzerne, gefördert durch das große VLSI-Project des MITI, brachte Siemens als einzigen namhaften deutschen Anbieter in eine schwierige Lage: entweder sich zurückzuziehen oder eine Vorwärtsstrategie zu wagen. Unter dem damaligen, aus der Kernkrafttechnik kommenden Technikchef Karl Heinz Beckurts(4) wurde 1983 das MEGA-Projekt aufgesetzt, das zum Ziel hatte, zu dem führenden Stand der Technik aufzuschließen. Die Aufholjagd konzentrierte sich auf das Lead-Product, den 1-Mega-D-RAM Speicherchip(5) und umfasste den Aufbau einer Mikroelektronik-Infrastruktur bzw. die Verzahnung zu einem Wertschöpfungsverbund; angefangen bei Silizium-Wafern(6) über Design-Werkzeuge, Stepper, Anlagenbau, bis zur Halbleiterforschung an mehreren Instituten. Um die Anlaufzeit zu verkürzen wurde eine Kooperation mit Toshiba eingegangen und höchst herausfordernde Termin- und Qualitätsziele gesetzt. Das zuständige Ministerium (BMFT) begleitete das Programm kenntnisreich und wohlwollend. Bei den Beteiligten, insbesondere bei Siemens hatte sich eine Aufbruchsstimmung eingestellt.

Das Ergebnis war beeindruckend: Erfolgreicher Product-Launch, rasche Unabhängigkeit vom Lizenzgeber, eine funktionierende Mikroelektronik-Infrastruktur(7). Im Jahre 1988 war mit dem 4-Megagbit-Chip der technologische Gleichstand erreicht. Dieser Kraftstoß gab dem Halbleiterbereich (1999 unter "Infineon" ausgegründet) ein neues Gewicht.(8) In der Folge entstand „Silicon Saxony", das sich zum größten Halbleiter-Cluster Europas entwickelte. Die sogenannte „first digital wave" wurde so mit Bravour bestanden.

Lehren daraus
Bis zur Wende 1990 hat der Staat als Partner der Industrie eine wichtige Rolle als Geldgeber, und Koordinator, auch als Kunde eingenommen. Dies traf auf die Kernkrafttechnik, die Luft- und Raumfahrt (MBB/DASA), die Telekommunikation (Siemens) zu. Danach kamen keine wesentlichen Projekte mehr zustande, revolutionäre Innovationen blieben aus. Der Staat tat sich nur mehr durch vereinzelte Interventionen zugunsten mächtiger Interessengruppen hervor, wie bei der Abwrackprämie und bei der E-Mobilität.

Woran lag es? Die Gründe in Stichworten: die Kräfte absorbierende Wiedervereinigung, das Vordringen des Shareholder Value mit den Kollateralerscheinungen der Kurzfristigkeit und des gesteigerten Eigeninteresses des Managements(9), die fortschreitende Globalisierung vieler DAX30-Unternehmen, der neue CEO angelsächsischen Typs(10), eine nicht seltene Arroganz gegenüber Newcomern(11), die abgenommene Kompetenz in den zuständigen Behörden, fehlende Warner und Wegweiser.(12)

Mit der Digitalisierung entsteht nicht nur dem Anschein nach eine neue Ordnung: Über die bisherigen Ebenen von Hardware- und Software schiebt sich eine komplette Datenebene, die alles darunter Befindliche erfasst und vernetzt. So gesehen ist sie viel umfassender und durchdringender als alles bisher Dagewesene; das zu erkennen verlangt keine besondere Einsicht und große Voraussicht.(13) Weil die Digitalisierung nahezu alle Bereiche des Lebens erfasst, hat der Staat eine entsprechend erhöhte, nicht delegierbare Verantwortung.
Den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft kann mit Fug und Recht vorgehalten werden, dass sie die heranbrechende Digitalisierung zu einem guten Teil "verschlafen" haben, so wie seinerzeit die Mikroelektronik anfänglich von vielen Ängsten begleitet nur zaghaft angenommen wurde. Der Unterschied zu damals ist: Das Zeitmaß und die Vernetzungsdynamik des Internet(14) diktieren das Handeln; man hat es mit Playern im Silicon Valley zu tun, die inzwischen mit stellaren Visionen antreten und in bisher unbekannter Konsequenz auf die globale Vermachtung von Märkten und die Verdinglichung von Menschen hinarbeiten. Und die Reaktion der Politik, der Verbände und Unternehmen?

WAS KANN, WAS MUSS DER STAAT TUN

Was bei der großen Verwunderung über technologische Neuerungen und neue Geschäftsmodelle, aus Silicon Valley und von anderswo kommend, übersehen wird, ist die kritische Rolle staatlicher Einrichtungen als Ermöglicher und Treiber. Viele sogenannte "market creating innovations" (C. Christensen) im Bereich Internet(15), Kommunikationstechnik, Benutzeroberflächen, Software wurden in den USA vom Staat vorfinanziert.(16) Was man indes wahrnimmt, ist die die rasante Kommerzialisierung durch Start-ups. Dieser Vorgang kann auch als "Abschöpfung" durch Apple, Cisco, Google bezeichnet werden, Firmen, die jedem Rückfluss über Steuern virtuos aus dem Wege gehen; ein von marktliberalen Investoren und Politikern ignoriertes Geschehen.

Fest steht, dass der Staat mehr leisten muss als nur Lückenbüßer und Reparateur einer risikoscheuen Wirtschaft zu sein. Dafür ist maßgeblich ein gutes Verständnis für Innovation und daraus abgeleitet eine gut abgestimmte Rollenverteilung im Sinne eines gemeinsamen Anliegens und eines rollengerechten Umgangs. Vom Staat als Sachwalter der gesamten Gesellschaft sollen klare Impulse ausgehen - im Unterschied zur Erfüllung von Sonderinteressen; er muss sich mit Ausdauer und ausreichenden Mitteln für eine zukunftsfähige „Innovationssphäre" einsetzen. Das bedeutet auf keinen Fall, dass sich der Staat unternehmerisch betätigen soll. Die Trennung der Aufgaben von Staat und Wirtschaft ist notwendig. Grundlegend ist das Verständnis, nach dem die Wirtschaft für Innovation und der Staat für das Umfeld zuständig ist.

Im Folgenden werden sechs wesentliche Ansatzpunkte für das Handeln des Staates erläutert. Unter „Staat" werden im Folgenden alle vom Staat ganz oder zu einem maßgeblichen Teil bezahlten Organisationen verstanden, wozu auch der Bildungssektor gehört.

Ansatzpunkt 1
Der Staat muss für eine innovationsförderliche Grundstimmung sorgen.

Phasen großer innovatorischer Dynamik sind fast ausnahmslos mit einem positiven Sentiment, einer Aufbruchsstimmung verbunden. Man denke nur an die „Gründerzeit" und an die erfolgreichen Aufholungsanstrengungen in der Computer -, Energietechnik, der Luft- und Raumfahrt (mit Airbus und Ariane), der Telekommunikation und, wie vorher angeführt, in der Mikroelektronik. Ähnlich fruchtbare innovative Phasen waren auch in anderen Ländern vorzufinden: früher in Japan, auch in Frankreich; heute in Korea, Taiwan, Singapur, Israel, Schweden und schwerpunktmäßig in den USA mit dem Anspruch globaler Innovationsführerschaft.

Infolge eines Schocks (Stichworte: Sputnik, Ölkrise), wegen einer gefährdeten Verteidigungsfähigkeit, unerwünschter nationaler Abhängigkeiten in der Luft- und Raumfahrt und wegen des Druckes zu exportieren, kam es zu einem innovatorischen Wettlauf. In den USA hatte sich schon früh ein Military Industrial Complex gebildet, der erweitert um "Academia" lange Zeit sehr erfolgreich im Generieren von Innovationen war. Im Rückblick lag dies an der klaren Ausrichtung, am breiten Wettbewerb um Ideen, an der Einbindung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen, der Meilensteinorientierung und selbstredend an der Bereitstellung von ausreichenden Mitteln; damit wurde die Ernsthaftigkeit der Vorhaben unterstrichen.

Wenn man nach den Grundmustern wissenschaftlichen Fortschritts sucht, erweist sich seit der Industrialisierung, dass wissenschaftliches Arbeiten am effektivsten nach dem Prinzip eines großen „Puzzles" erfolgt(17). Fortschritt in der Wissenschaft hängt in hohem Maße davon ab, ob es für die jeweilige Aufgabe gelingt, einen offenen, breiten Austausch zwischen den Beteiligten zustande zu bringen, ein andauerndes „über die Schultern schauen" zu ermöglichen, einen Wettbewerb um die beste Lösung in Gang zu halten, am besten mit einer kritischen Masse intrinsisch motivierter Personen. Die in Berlin unerwartet aufblühende "Cafe-Kultur" der Start-up-Szene entspricht in vielen Elementen einer solch kreativen Atmosphäre.

Dagegen sind Abschirmung, Silodenken, stark hierarchische Strukturen, ausbleibende Anerkennung, Statusdenken, die Vereinnahmung durch Interessensgruppen, Beamtenmentalität und fehlende Dringlichkeit hinderlich. So klar die Schlussfolgerungen sind, so schwer ist offensichtlich die Umsetzung. Der Engpass ist entgegen vorschneller, interessengeleiteter Behauptungen nicht das Geld. Die Hürden sind organisatorische und persönliche Egoismen, der fehlende Wille zu Innovation (statt des beliebten Optimierens des Status-quo) und vor allem der fehlende offene Blick auf den sich erweiternden Kosmos der Innovationen im Zuge der Digitalisierung.

Sicher ist, dass die über Jahre sich ausbreitende Verteilungsbürokratie mit angeschlossener "Gutachterbranche" innovative Impulse erstickt, und ungebührlich viele Mittel verbraucht. Auf der anderen Seite besteht ein geringes Interesse, aus Post mortem's von Programmen und Projekten zu lernen , um nicht dieselben Fehler wieder zu machen. Gerade bei Innovationen soll doch aus Fehlschlägen und Erfolgen gelernt werden. Dazu bekannte sich jüngst Siemens-Chef Joe Kaeser.(19)
Dem komparativen gesellschaftspsychologischen Nachteil Deutschlands vor allem gegenüber den USA, nämlich die verbreitete Angst vorm Scheitern, muss man sich stellen; ein Problem, das die deutsche "Ingenieurnation" mit Japan teilt und das die anstehende Erneuerung der Industrielandschaft bremst. Vonnöten sind sichtbar mehr Anerkennung gescheiterter Versuche und die Aufmunterung zu neuen Anläufen durch Politik und Medien. Schadenfreude - ein urdeutsches, unübersetzbares Wort - ist als Untugend anzuprangern.

Ansatzpunkt 2
Der Staat muss gesellschaftlich erwünschte, anspruchsvolle Langfristziele setzen.
Die gesellschaftlichen Ziele betreffen die Bereiche Ausbildung, Gesundheit, Umwelt, Verkehr, Kommunikation, innere und äußere Sicherheit. Ein demokratisch verfasster Staat hat die ständige Verpflichtung im Sinne des Gemeinwohls und der Wettbewerbsorientierung in diesen Bereichen impulsgebend zu wirken.(20) „Durchwursteln", willfähriges Eingehen auf Lobbyisten-Empfehlungen und politisch motivierte Richtungswechsel erweisen sich auf lange Sicht immer als vertane Chancen für Innovationen. Die kurze Geschichte der E-Mobilität ist ein sprechendes Beispiel.

Der Staat soll gemeinsam mit der Wirtschaft wohldurchdacht wichtige Zukunftsthemen definieren und damit Innovationsräume adressieren, - in anderen Worten neue "techno-economic paradigms" skizzieren -(21), an denen sich die Wirtschaft orientieren soll; schließlich ist Wirtschaft nicht Selbstzweck, sondern sie soll auch dem Gemeinwohl dienen.
Ein breitangelegtes, parteiübergreifendes, konsensfähiges Anliegen ist mit Sicherheit, eine umfassende Kompetenz in "nachhaltigem Wirtschaften" aufzubauen, wozu eine gut austarierte Energieversorgung gehört.(22) Ein weiteres umfassendes Anliegen ist das Internet of Things oder Industrie 4.0 (die unterschiedliche amerikanische und deutsche Begriffsweite ist bedeutungsvoll!), das über die industrielle Anwendung hinausgeht; mit ihm ist der Anspruch verbunden zusammen mit Sensorik, Mikrosystemtechnik, Optoelektronik, Lasern und qualitätsvoller Software eine prinzipiell vorhandene Stärke auszubauen. Voraussetzung ist jedoch die Erweiterung von Innovation auf neue Geschäftsmodelle bzw. originäre kunden- und nutzerbestimmte Kombinationen von Produkten und Leistungen. Kopieren verbietet sich, weil es nicht von Innovationsschwäche befreit.

Schließlich muss der langfristige Erhalt Deutschlands als Industriestandort ausdauernd und engagiert verfolgt werden. Die deutsche Industrie hat eine hohe Kompetenz bewiesen, ausgereifte Technik aufzurüsten und zu verfeinern. Im Falle des Automobil- und Maschinenbaus und der Automatisierung ist das beispielgebend gelungen, weil es zu einem symbiotischen Zusammenwirken von Branchenführern kam. Die daraus erwachsene Stärke ist durch die digitale Überlagerung gefährdet, weil die dafür unentbehrlichen "Digital Partner" in Deutschland und Europa fehlen bzw. zu schwach sind. Unter diesem Blickwinkel muss die starke Automobillastigkeit als systemisches volkswirtschaftliches Risikopotential angesehen werden. Die stille Verabschiedung aus Computern und Communications (letztere waren die Wiege von Siemens) während der letzten 10 Jahre muss eine eindringliche Lehre sein. Solch schwere strategische Fehlentscheidungen warenVorboten der aktuellen strukturellen Innovationsschwäche.

Die Forderung, dass die Infrastruktur auf einem modernen Stand zu halten ist, kommt einem Gemeinplatz gleich; aber angesichts einer digitalen Vernetzung, die in ihrer Kapazität, Qualität und Schnelligkeit weit unter dem Standard von Mitbewerber-Ländern (im Falle von Spitzenreiter Südkorea um den Faktor 4 und gegenüber der Schweiz um rund die Hälfte) liegt, ist ein deutliches Symptom politischer Nachlässigkeit, eines selbstverschuldeten Digital Divide. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass zuerst die „Energiewende" und später die „Maut" die Aufmerksamkeit von diesem Zukunftsthema abgezogen haben.
So wichtig für die Innovationsförderung eine gute Verteilung der Mittel ist, so wichtig ist, dass der Staat als Kunde konstruktiv mitwirkt, indem er sich in der Anwendung betätigt und als Referenz zur Verfügung stellt. Alle staatlichen Infrastrukturanbieter, vor allem Bahn, Post, Telekom sollten den Ehrgeiz entwickeln, sich international zu profilieren bzw. von den Besten zu lernen. Die komplizierte Zulassungspraxis von Zügen ist nur ein exemplarischer Fall, der nach Vereinfachung und Verbesserung ruft.

Ansatzpunkt 3
Der Staat muss für eine zukunftsgerichtete breite Aus-/Bildung sorgen.
Ein allgemein hohes Bildungsniveau ist Grundpfeiler jeder Innovationsfähigkeit. Um erfolgreich zu sein, müssen überdies Bildungseifer, Kreativität und Gestaltungswille hinzukommen. Elementar ist die Einsicht, dass die Talente aller durch ein chancengerechtes, durchlässiges, diszipliniertes Bildungssystem gefordert und gefördert gehören. Das beginnt beim kindgerechten Lernen (schließt eine technokratische Wissens-/Kompetenzvermittlung aus und verweigert sich nachlässigem Schreiben und Lesen), setzt sich fort in einem „Lernen des Lernens", dem Aneignen von Risikokompetenz,(23) und der Basisfähigkeit des Codierens (des Schreibens von kleinen Programmen) bereits in der frühen Schulzeit. Überhaupt ist zu überlegen, wie ein "Digitales Curriculum" beschafften sein sollte, damit nicht wieder einmal ein Flickwerk entsteht. Die Devise muss heißen: weniger Routine und vorübergehende Wissensakkumulation, dafür sicherer Erwerb von Basisfähigkeiten, mehr Experimentieren und die Einübung systemischen/ganzheitlichen Denkens und umsichtigen, wertegeleiteten Urteilens.
Das Duale System hat den anerkannten Vorteil, dass Theorie und Praxis verknüpft werden. Von den Lernenden wird diese Kombination als bereichernd empfunden, befähigt zu selbständigem Handeln, hinterlässt einen bleibenden Lernerfolg. Das Duale System sollte sogar auf große Teile der Hochschulen (früher Fachhochschulen) erweitert werden.

Dass eine fortschrittliche Gesellschaft künftig in besonderem Maße Studierende in zukunftsgerichteten Fächern – das sind nun mal die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technologie)(24) mit digitalem Bezug -, benötigt, braucht nicht betont werden. Die Lücke von mehreren zehntausend MINT-Absolventen mit dem "Luxus" eines zu hohen Anteil von Studienabbrechern, ist ein großes ungelöstes Problem.(25) Zu beachten sind die Förderung und Einbindung der Geisteswissenschaften und der Medizin. Der Kanon muss eine vielseitige, ausgewogene Aus-/Bildung beinhalten, die originell und kulturgemäß ist, wie sie der Diplomingenieur(26) überzeugend darstellte; jedenfalls nicht ein überschätztes OECD-Standardmodell, das zudem noch schlecht kopiert wird.

Für die Hochschulen sollte der Grundsatz der „verdienten Autonomie" gelten; das heißt, dass die Selbstorganisation ausgewiesener Fachleute nicht mit bürokratischen Regeln erdrückt wird. Dem unverrückbaren Umstand, dass Spitzenforschung (Exzellenz) sich realistisch nur an wenigen Standorten verwirklichen lässt, ist Rechnung zu tragen. Einer demokratiepolitisch motivierten Regionalisierung, einem Downgrading, wie das Ansinnen des Promotionsrechts an Fach-Hochschulen und der in einigen Bundesländern stillschweigend vollzogenen Besserbenotung ist Einhalt zu gebieten. Selbstbetrug tut nie gut!

In einer globalisierten Welt ist ein reger internationaler Austausch (Stichwort: Lehr- und Wanderjahre) zu unterhalten. Sorgen muss der Netto-Brain Drain vor allem bei Spitzenforschern bereiten, die es laut der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) in die USA, in die Schweiz, nach Dänemark und Großbritannien zieht und die meist nicht mehr zurückkehren.
Ein mit Blick auf die Herkunftsländer durchaus strittiger Punkt ist die gezielte Anwerbung ausländischer Talente. Weil diese im Durchschnitt „unternehmerischer" veranlagt sind als Einheimische, sind sie ein wertvolles Reservoir, das aufzufüllen für Deutschland aus Eigennutz vorteilhaft ist.(27) Die englischsprachigen Länder, vor allem die USA, profitierten eindeutig davon seit langem.

Ansatzpunkt 4
Der Staat muss produktive Innovationsplattformen bereitstellen.
Ziele bedürfen einer Unterlegung mit ausreichender Finanzierung. Zur Angemessenheit lassen sich Anhaltspunkte beim internationalen Vergleich von Programmen bzw. Budgets finden. Entscheidend ist ein glaubwürdiges Commitment, das auf guter Kenntnis der jeweiligen Anforderungen fußt. Über die Bedeutung der Grundlagenforschung besteht weitgehend Übereinstimmung, nicht jedoch über die finanzielle Beteiligung daran. Nicht wenige Großunternehmen(28) haben sich im Zuge des Shareholder-Value aus der Grundlagenforschung und zu großen Teilen aus der angewandten Forschung zurückgezogen und beschränken sich nunmehr auf risikoarme Produktentwicklung und -pflege.

Werden öffentliche Leistungen in Anspruch genommen, darf das Ausweichen auf andere, „billigere" Quellen nicht unkommentiert bleiben. Die schwindende Bindung zum Heimatmarkt soll nicht verschwiegen werden. Auf ein angemessenes Matching von öffentlichen und privaten Mitteln sollte auch mit Rücksicht auf andere, eher national gebundene Wirtschaftsteilnehmer wie den Mittelstand, geachtet werden. Der Mittelstand als Rückgrat der heimischen Industrie ist gezielt in die Forschungsförderung und den Technologietransfer einzubeziehen. Die diesbezüglichen Bemühungen in Baden-Württemberg sind eine gute Referenz.

Wichtig ist, dass die vergebenden staatlichen Organisationen in hohem Maße urteilsfähig sind und damit unabhängig sein können. Förderkompetenz, die Monitoring und Erfolgsbeurteilung einschließt, muss gewährleistet sein, damit es nicht zu ungebührlichen Vorteilsnahmen kommt. Hier bedarf es einer Überprüfung, insbesondere in den Bereichen, die nahezu routinemäßig die meisten Mittel erhalten. Das gilt für die Luft- und Raumfahrt mit einem Förderbetrag, der rund doppelt so hoch ist wie die gesamten Ausgaben des Bundes für die Informations- und Kommunikationstechnologien(29), obwohl der propagierte Spill-over-Effekt immer weniger nachweisbar ist.(30) Überhaupt ist endlich ein effektives Controlling der Fördermittel einzuführen, das außerhalb der Grundlagenforschung an Meilensteinen orientiert ist und dafür sorgt, dass Projekte rigoros beendet werden, statt endlos "auszulaufen".

Deutschland verfügt über eine weltweit einmalige Kombination von Organisationen der Grundlagen-, und angewandten Forschung, in Teilbereichen auch des Technologietransfers: mit den Max Planck Instituten, mit der breit diversifizierten Fraunhofer Gesellschaft und unter anderen der Steinbeis-Stiftung. Deren Verbundwirkung ist möglichst auf viele Bereiche der Wirtschaft auszuweiten. Historisch gesehen war die günstige Wechselwirkung von Forschung/Hochschulen und Wirtschaft durch Personalaustausch, finanzielle Unterstützung und ein gemeinsames Interesse ein entscheidender Erfolgsfaktor des industriellen Aufstiegs. Der Technologietransfer ist Zubringer und Abholer von Innovationen, über Spin-offs bzw. über einen Personalaustausch. Wie das Beispiel der Stanford University (und auch so mancher "Gründeruniversität") zeigt, ist ein reger "Innovationenfluss" zwischen hervorragender Forschung und aufnahmehungrigen, neu gegründeten Unternehmen entscheidend.

Ein anerkannt wirksamer organisatorischer Weg der Innovationsförderung sind dezentrale Plattformen. Dazu zählen regionale Cluster, in denen relativ autonome Netzwerke an ihrer Branchenexzellenz arbeiten. Die Bayerische Cluster-Initiative mit 19 Branchen-/ Technologieschwerpunkten ist ein gutes Beispiel dafür. Mit Blick auf die umgreifende Digitalisierung sind verstärkt Anwendercluster anzustreben. Ein bewährtes Mittel, die Zusammenarbeit zu unterstützen, ist die Verbundforschung, weil diese Projekte in aller Regel eine gute Mischung von Beteiligten erfordern. Ein häufig ausgeblendetes Problem sind solche Arbeitsbedingungen, die den Intentionen der Forschenden entgegenkommen. Dazu gehören eine große "Breite und Toleranz des Systems", der weitgehende Verzicht auf Arbeitszeitbeschränkungen, insbesondere die unvernünftige Zwangspensionierung herausragender Forscherpersönlichkeiten.(31)

Aufgrund der Performance bisheriger europäischer Forschungsprogramme ist gegenüber dem 2014 angelaufenen, achten EU-Förderprogramm „Horizont 2020" ein gesundes Maß an Skepsis angebracht.(32) Es entsteht der begründete Eindruck, dass viel bürokratischer Aufwand und Verhandlungszeit darauf verwendet werden, Programme zu entwerfen, aufzusetzen, neu zu mischen, ohne deren Ergebnisse kritisch zu prüfen. Das Eigenleben solcher Programme und die Bevorzugung von Sonderinteressen sind ein anhaltendes "Gemeinschaftsproblem". Die avisierten Maßnahmen zu Cybersicherheit und zum Schutz geistigen Eigentums sind jedoch grundsätzlich gutzuheißen.

Ansatzpunkt 5
Der Staat muss eine Regulierung betreiben, die Raum für Dynamik lässt.
Der Widerspruch von Einschränkung und Freiheit ist auf eine innovationsfreundliche Weise zu lösen. Das bedeutet, Zulassungsbeschränkungen immer wieder daraufhin zu überprüfen, ausufernde Zertifizierungsbestrebungen einzudämmen, Spielräume der Flexibilisierung vor allem im Arbeitsrecht zu vergrößern, die Überwachung nicht in Form des verbreiteten formalen Mikrocontrolling zu praktizieren, sondern mehr nach dem Prinzip des geliehenen Anfangsvertrauens und des Management by exception.
Einen starken Hebel hat der Staat (bzw. die EU) mit der Wettbewerbspolitik in der Hand. Die Herstellung fairer Wettbewerbsbedingungen ist insbesondere in Umbruchphasen wichtig, wie dem sich explosionsartig ausbreitenden Internet. The Run to Dominance, das heißt die rasche Monopolisierung mit allen Mitteln der Kundenbindung und multipler Vermarktung von Kundendaten in allen Lebensbereichen, die im Wesen und bisherigen gesellschaftlichen Konsens Commons sind (wie die Websuche), überfordert offenbar die zuständigen Agenturen und Behörden. Die „Winner Takes it All"-Haltung führt zu einer ununterbrochenen Ausreizung von Regulierung und ermöglicht den aggressiven Einfall in nicht regulierte Bereiche. Jüngste Beispiele dafür sind manche Praktiken der angeblich vortrefflichen, aber im Grunde monopolistisch angelegten, extrem kommerziellen Shared Economy. Man kommt nicht umhin, der Politik vorzuhalten, dass sie vorhersehbar regulatorisch stark nachhinkt. Ein starker Staat, den sogar die Liberalen Eucken, Hayek, auch Schumpeter forderten, hat unbestritten den klaren Auftrag zur aktiven Ordnung; ihm nicht nachzukommen ist fahrlässig.

Warum fehlt jeder Versuch, verstärkt auf Modelle wie Wikipedia oder früher von Linux(33) hinzusteuern? Mit dem Appeasement gegenüber großen US-Unternehmen wird der Zugang kleiner und mittlerer deutscher/europäischer Anbieter willfährig aufgegeben. Weil viele Großunternehmen sich zunehmend auf den risikoarmen Aufkauf innovativer Firmen verlegt haben, sollten Wege gefunden werden, diesen innovatorischen Bypass einzuschränken und darauf hin zu wirken, dass sich Großunternehmen vermehrt aufspalten, um in der Folge wieder an Dynamik zu gewinnen. Die Leitlinie muss sein: mehr symbiotische Verhältnisse, weniger dominante und parasitäre.

Gründungen sollen rasch über die Bühne gehen und in der Anfangsphase nicht mit regulatorischem Ballast beschwert werden, weil ihnen sonst die so notwendige Antrittsenergie genommen wird.(34) Bei der Handhabung von Patenten an Hochschulen sollte darauf geachtet werden, dass diese möglichst über Spin-offs verwertet werden und nicht danach, welcher monetäre Rückfluss sich kurzfristig erzielen lässt. Ein von Sonderinteressen gewuchertes Förderdickicht, das „Subventionslotsen" hervorbringt, bedarf eines dringenden Rückschnitts.
Um Innovationen mentale Barrieren bzw. ideologische Hürden zu nehmen, sollte ein gesellschaftlich akzeptierter Kreis , eine möglichst unvoreingenommene Beurteilung der Chancen und Gefahren, in der Art einer Folgenabschätzung vornehmen und Handlungsoptionen aufzeigen. Dazu gehört auch das ständige Anmahnen einer vorausschauenden Regulierung. Aus dem bisherigen ideologisch aufgeladenen Gezerre um „Atom, Nano, Gen" mit der Spätfolge einer verkümmerten Innovationssphäre sollten Lehren gezogen werden. Die öffentlich-rechtlichen Medien sollten sich an einer ausgewogenen Wissens- und Meinungsvermittlung beteiligen. Die frühere Verteufelung der Mikroelektronik als Job-Killer hatte große Resonanz in den Medien gefunden. Wem hat sie genützt? Wer hat die additiven und substituierenden Wirkungen auf den Arbeitsmarkt analysiert? Der Niedergang ganzer High-Tech-Branchen bleibt - übrigens im krassen Unterschied zu Kündigungen in organisierten Betrieben - indessen unkommentiert.

Auffallend ist der Mangel an vertieften und überfangenden Analysen, etwa der Blick auf den massiven Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Die einschlägigen Institute wiederum beschränken sich mit Vorliebe auf Analysen post-factum; zukunftsleitende Aussagen trauen sie sich selten zu. Bemerkenswert ist die Zunahme an Innovationslehrstühlen und -instituten, auch von solchen, die sich mit Unternehmensgründung und Entrepreneurship beschäftigen. Handelt es sich da nicht um die "Akademisierung" eines Missstandes? Wie ist es um deren Relevanz und Nützlichkeit bestellt?

Ansatzpunkt 6
Der Staat soll "Zukunftsaufwand" steuerlich vorteilhaft behandeln.
Der konsumtive Teil der Ausgaben hat einen starken Eigenimpuls, dem beständig gegengesteuert werden muss, ähnlich einer Schuldenbremse gegen die notorische Ausgabenfreudigkeit. In aller Kürze seien einige Optionen aufgeführt, die den Zukunftsaufwand entlasten können: höhere Abzugsfähigkeit von FuE-Aufwand (eventuell Gutschriften), raschere Abschreibung von Wirtschaftsgütern, steuerliche Freistellung von Start-ups in den Anfangsjahren, geringe/keine Besteuerung von Kapitalgewinnen aus Beteiligungen an Start-ups.

NOTWENDIGER AUFBRUCH

Die Zeit der klassischen Industrialisierung mit den typischen Eigenschaften Energie-, Rohstoffverbrauch, Zentralisierung, Regelbeschäftigung geht rapide zu Ende. Veränderungen, Substitutionsprozesse verlaufen am Ende häufig abrupt, war doch schon seit den 1970-er Jahren vom Anbruch des „Postindustriellen Zeitalters" die Rede. Die bestimmenden Basistechnologien waren früher Mechanik, Elektrotechnik und Elektronik. Heute und noch mehr in Zukunft sind die "Informate" (Enterprise Software, E-Commerce, Social Communications) bedeutend.(35) Ein wesentlich größerer Einfluss als bisher erwächst aus der Konvergenz von Technologien bzw. der Kombination von Anwendungen: Biochemie und Biologie und Software; Smart Grids (Automatisierung und Sensorik und Software); Nanotechnologie (mit Analytik, Mikrosystemtechnik) und schließlich Clean Tech mit einer Vielzahl von Technologien.

Deutschland ist nach dem "The Global Innovation Index 2014"(36) erst an der 13. Stelle von 143 Ländern anzutreffen. Deutschland ist eingezwängt zwischen dem Innovationswettbewerb vor allem von den USA und dem Kostenwettbewerb vor allem von China. Der größte Hebel für die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands liegt eindeutig bei der Innovation. Produktiv ist das Land allein schon aufgrund seiner industriellen Tradition und der geographischen und räumlichen Gegebenheiten. Zusammenfassend: Anschlussfähig, führend muss das Land wieder bei Innovation werden. Dem Staat kommt die nicht aufschiebbare und unabdingbare Aufgabe zu, das Land zukunftsfähig zu machen, den Gestaltungswillen generell zu befördern.
Übrigens, die Arbeitnehmervertretungen sind von der Beschäftigung mit der Zukunft der Arbeit nicht entpflichtet; die Verbände nicht von der Vorbereitung ihrer Mitglieder auf die digitale Zukunft. Es gilt, die Folgen für die Gesellschaft zu bedenken, die Übergänge vor allem zur Digitalisierung erträglich zu gestalten, gesellschaftliche Brüche zu mildern, auf keinen Fall die Gesellschaft zu spalten.

Die Zukunft braucht eine Lobby! Die Vergangenheit hatte sie, die Gegenwart hat sie im Übermaß.

Manfred Hoefle, 3. Februar 2015

 

LITERATUR UND LINKS

  • Baumol, William, J.: The Free Market-Innovation Machine: analyzing the Growth Miracle of Capitalism; Princeton Press, Princeton, 2002.
  • Johnson, Steven: Where good Ideas come from. the seven Patterns of Innovation, Riverhead Books/Penguin Group (USA), 2010.
  • Mazzucato, Mariana: The Innovative State - Governments Should Make Markets, Not Just Fix Them, in: Foreign Affairs, Jan/Feb 2015.
  • Mazzucato, Mariana: The Entrepreneurial State, Demos, London, UK, 2011.
  • Mezue, Brian, C., Christensen, Clayton, M.; Bever van, Derek: The Power of Market Creation, in: Foreign Affairs, Jan/Feb 2015.
  • Perez, Carlota: Technological revolutions and techno-economic paradigms; in Working Papers in Technology Governance and Economic Dynamics, Working Paper No. 20, Tallin: Norway and Tallinn University of Technology, Tallinn 2009.
  • Diverse: Wikipedia, Economist, Fortune, Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Links

 

Anmerkungen

(1) Nach Angaben des "State of Innovation Report" von Thomson Reuter. Die anderen Branchen sind: Automobilindustrie, Halbleiter, Medizintechnik. Diese Branchen umfassen rund 3/4 aller Patente. Ein weiteres Indiz sind der in den letzten Jahren erfolgte Rückzug ausländischer Hersteller in der Kommunikationsbranche, u.a. Ericsson, Nokia, Motorola, AT&T; davor waren es Bosch, Philips und der „National Champion", Siemens. Verstärkung erfuhr hauptsächlich die Automobilindustrie mit einigen Entwicklungs- und Designcentren von Herstellern aus Korea und China.

(2) Auf der IIC-Homepage wurde Siemens als neues Mitglied unter anderen willkommen geheißen: nach CODELCO Chile, Local Grid Technologies, ICT Austria, Shenyang Institute of Automation, Wireless Glue Networks, Fuji Electric Co, SAP SE, Altera Corporation, (an letzter Stelle) Siemens.

(3) Dieser bedeutende Teil Nordrhein-Westfalens zeigt viele Merkmale eines industriellen Niedergangs und innovativer Schwindsucht als Folge einer bewahrenden Politik zugunsten von Kohle und Stahl, einer bildungsfernen Immigration, der Abwanderung qualifizierter Jugendlicher, einer verbreiteten Verödung von Städten und Gemeinden, fehlender Unternehmensgründungen.

(4) Die erstaunliche Umorientierung äußerte sich so: Kurz nach Übernahme der neuen Tätigkeit veröffentlichte Prof. Beckurts seinen letzten Artikel über das zukunftsweisende Tokamak-Bauprinzip für die Kernfusion. Danach befasste er sich ausschließlich mit Mikroelektronik und Software.

(5) Unter der damaligen Annahme, dass Speicherbausteine die "Technologielokomotive" sind. Das Investment für das Programm belief sich auf damals enorme 2,6 Milliarden DM.

(6) Siemens hatte in den 1950er-Jahren Reinstsilizium als Halbleitermaterial entwickelt. Das Know-how wurde an die Fa. Wacker Chemie abgegeben, die Weltmarktführer ist.

(7) Dazu zählten vor allem. Anstöße zur Entwicklung alternativer Lithographie-Verfahren: Röntgen-, Elektronenstrahl- und Ionentechnik.

(8) Später zog sich Infineon aus der Speichertechnik zurück und hat heute den Schwerpunkt auf Anwendungen in der Automobiltechnik und Leistungselektronik.

(9) Im Zuge der verstärkten Kapitalmarktorientierung von forschungs- und entwicklungsintensiven Großunternehmen, namentlich von AT&T mit den Bell Labs (Transistor, Laser, CCD, Unix, C, Molekularstrahlepitaxie), IBM (APL, Supraleitung), Xerox mit PARC (Grafische Oberfläche, Maus); Siemens (Reinstsilizium, III/V-Verbindungen, SF6-Schalter, Simatic (elektronische Automatisierung), Syngo (Bedienoberfläche), Piezo-Technologie).

(10) Erinnert sei an die selbstinszenierenden, "gehypten" Manageristen-CEOs Schrempp, Middelhoff, Esser.

(11) Kennzeichnend war der Kommunikationsbereich von Siemens, der der kooperationsbereiten Cisco die kalte Schulter zeigte und Neuerungen wie die "Maus" als Spielzeug abtat.

(12) Ein Beispiel war Konrad Seitz, Botschafter und Planungschef, der sich ausdauernd mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie beschäftigte. In letzter Zeit gibt es mehr Kommissionen und Beiräte.

(13) Es ist zu beobachten, dass in Deutschland das Bewusstsein bezüglich Digitalisierung auf breiter Basis sich erst ab Mitte 2014 bildete, nicht zuletzt angestoßen durch eine Serie des Der Spiegel zur "Digitalen Revolution".

(14) Die neuen Dimensionen sind: die Verdopplung der Transistorfunktionen alle 18 Monate (Moore's Law) der Nutzenzuwachs durch Vergrößerung des Netzes (Metcalf's Law) und das explosive Wachstum der Anzahl der "Internet-Computer" (bereits 2010 mehr als Erdenbewohner).

(15) Die wesentliche "Erfindung" stammt aus dem CERN von Tim Berners-Lee, der 1989 mit dem "Hypertext Notebook" die Web-Architektur einführte. Zum 25. Geburtstag des "Web" machte er sich große Sorgen um dessen Rolle als neutrales, offenes Medium.

(16) ARPANET (Internet-Vorläufer); GPS (US-Militärprogramm Navstar); 1970er-Jahre, Spracherkennungssystem des iPhone's: Siri; Berührungstechnik für Smart Phones/Tablets: FingerWorks, durch die NSF (National Science Foundation). Ähnliches gilt für Pharma, wo eine Reihe neuer Medikamente vom National Institute of Health (NIH) finanziert wurde. Dasselbe gilt für Laser und zuletzt die Shale Oil Exploration.

(17) Mit dieser Frage hat sich besonders intensiv der aus Ungarn stammende Chemiker-Physiker Michael Polanyi (1891-1976, Begründer der chemischen Reaktionskinetik) beschäftigt, der im späteren Leben als Soziologe und Philosoph hervorgetreten ist. Sein diesbezügliches Hauptwerk ist Personal Knowledge.

(18) Ein besonderes Lehrbeispiel ist der MP3-Standard: von Karlheinz Brandenburg während seines Postdoc bei den Bell Labs/AT&T und danach im FhG-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen zusammen mit Siemens entwickelt, aber hauptsächlich von US-Internet-Unternehmen vermarktet. Die vereinnahmten Lizenzgebühren wurden allseits als großer kommerzieller Erfolg gewertet. Eine Lehranalyse steht trotz der zahlreichen Innovationslehrstühle immer noch aus.

(19) Auf der Hauptversammlung vom 26.1.2015.

(20) Lehrreich für die Setzung herausfordernder Ziele und die Einbindung vieler potentieller Beiträge ist DARPA (Defence Advanced Research Program Agency). Beispiel: ... "create an asymmetric technological advantage and provide U.S. Forces with decisive superiority and ...". Breite Beteiligung durch Ausschreibungen: „ innovative ideas and disruptive technologies that offer...; The purpose of this announcement is to focus the attention of the scientific community on .....; to initiate dialogue amongst those interested; z.B. Microsystems Technology; Thermal Technology.
Beispiel für konkrete Projekte/Programme: Adaptive Vehicle Make, Legged Squad Support System, Fuel Cells, Novel Concepts: Computing, Manufacturing, Photonics, Position, Navigation and Timing.

(21) Die von der Innovations- und Technologie-Gelehrten Carlota Perez von der London School of Economics (LSE) geforderte Rolle des Staates.

(22) Eine dafür erprobte Methode der Konkretisierung sind die "Pictures of the Future". Dazu mehr unter: http://www.siemens.com/innovation/de/home/pictures-of-the-future.html

(23) Siehe dazu: Risiko – wie man die richtigen Entscheidungen trifft.; von Gerd Gigerenzer, Direktor des Max Planck Instituts für Bildungsforschung gefordert.

(24) Entspricht in etwa der angelsächsischen Abkürzung STEM (Science, Technology, Engineering, Mathematics).

(25) Der Lücke an MINT-Studierenden (mit einem sehr geringen Frauenanteil) steht in einem bedenklichen Kontrast zu dem Überangebot an „Gender Studies"-Absolventeninnen. Die Heranbildung eines akademischen Prekariats ist eine nicht vertretbare Verschwendung.

(26) Klassische Stärke "Ingenieur"; 1. Industrielle Welt: Produktion, Umsetzung naturwissenschaftlicher Erfindungen) verschiebt sich in der 2. Industriellen Welt in Richtung "Informatik" (Nutzung von Technologien und Vernetzung).

(27) Sind nach USA-Studien doppelt so häufig unternehmerisch tätig als US-Bürger.

(28) Beispiel Siemens: Während 1997 noch 7,6% des Umsatzes für FuE aufgewendet wurden, sank dieser Anteil 2002 auf 6,6% und 2009 auf 5,1% (auch in Folge der Ausgliederung des FuE-intensiven Kommunikationsbereiches); zuletzt pendelte sich der Wert bei 5,6% ein.

(29) Laut Bundesbericht Forschung und Innovation 2014: 1 459 Millionen EUR für Luft- und Raumfahrt, 771 Millionen Euro für Informations- und Kommunikationstechnologie, d. h. einschließlich Softwaresysteme, Wissenstechnologie, Elektronik, Elektroniksysteme, Mikrosystemtechnik, Multimedia, Entwicklung konvergenter IKT.

(30) Es handelt sich zu einem nicht geringen Teil um direkte Projektfinanzierung.

(31) Verwiesen sei v.a. auf die Einlassungen des deutsch-amerikanischen Biochemikers und Nobelpreisträgers von 2013, Thomas Südhof zur Forschungsszene in Deutschland. Übrigens: Die Zwangspensionierung führt häufig zu Abwanderungen an ausländische Universitäten.

(32) Kombination der bisherigen Forschungsrahmenprogramme mit dem Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) und Programmen des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT).

(33) Unix-ähnliches Mehrbenutzer-Betriebssystem, das Ende der 1980er-Jahre von Linus Torvalds (Finnland/USA) mit initiiert wurde.

(34) Siehe dazu Gründen in Deutschland: Warum es nicht richtig läuft - was anders werden muss, unter www.managerismus.com

(35) Bereits 1980 wurde von der sich anbahnenden "Informatisierung des Alltags" gesprochen, ohne das Internet vorherzusehen, in: Beckurts, Karl Heinz; Hoefle, Manfred: Unsere technologischen Entwicklungschancen im internationalen Maßstab, 1980 (Arbeitspapier).

(36) Der Global Innovation Index 2014 (GII) wird gemeinsam von der Cornell University, INSEAD, und der World Intellectual Property Organization (WIPO, UN) herausgegeben; er umfasst Indikatoren, die über die üblichen Messgrößen wie FuE in Prozent zum BIP hinausgehen.