Denkzettel
Nummer 61
 

Frank Stronach
Selfmade man - Unternehmer - Patriarch 

 Manfred Hoefle

„Als Gründer von Magna International Inc. habe ich Hunderte von Fabriken gebaut, die mehr als 150.000 Menschen in 30 verschiedenen Ländern beschäftigen. So habe ich im Laufe meiner Karriere die Hoffnungen und Träume der Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt. Sie haben überall den gleichen Wunsch nach Freiheit und sie wollen überall für sich und ihre Familien ein besseres Leben aufbauen“ schreibt Frank Stronach in der Einleitung zu seinem Wegweiser für eine zivilisierte Gesellschaft (Die Frage aller Fragen – Woher kommen wir, wohin gehen wir?).

Aus einer steierischen Arbeiterfamilie kommend machte er eine Lehre als Werkzeugmacher und wanderte mit 200 Dollar in der Tasche nach Kanada aus. 1957 gründete er in Aurora, Ontario, eine mechanische Werkstätte, die alsbald rasch wuchs. Den ersten Kunden beteuerte er, nur bezahlen zu müssen, wenn sie mit der Leistung vollauf zufrieden sind. Das Unternehmen entwickelte sich rasch mit dem Versprechen „Ein besseres Produkt zu einem besseren Preis“; das ist das Erfolgsrezept bis dato.

Die kanadisch-österreichische Firmengruppe Magna International ist der weltweit am breitesten aufgestellte Zulieferer, Auftragsfertiger und -entwickler der Automobilindustrie; sie ist an der NewYorker und Torontoer Börse gelistet. Zuletzt belief sich der Umsatz auf 40 Mrd USD. Magna hat 169 Tsd. Beschäftigte in 28 Ländern. Das Unternehmen ist stark dezentral organisiert, umfasst 338 Betriebe und 96 Entwicklungszentren. 1989 kehrte Stronach mit der Übernahme von Steyr-Puch nach Österreich zurück und schaltete sich recht unkonventionell mit einer eigenen Partei (Liste Stronach) in das politische Geschehen des Landes ein. Sein wenige Jahre dauerndes politisches Engagement beurteilte er als lehrreich und fügte hinzu, dass „wir alle sind ein bisschen schuld, dass das System so ist, wie es ist“.

Unternehmer, die ihren Weg aus einfachen Verhältnissen gemacht haben, in wahrsten Sinne des Wortes ein großartiges Lebenswerk geschaffen haben, stellte nicht selten ihre Erfahrungen und Einsichten zusammen, gerade auch solche, die über ihre unternehmerische Tätigkeit hinausgehen. Die Überzeugungen von Frank Stronach zum Aufbau einer besseren Gesellschaft werden in enger Anlehnung an seinen Wortlaut im Folgenden resümiert.

  1. Familien sind das Fundament jeder Gesellschaft
  2. Das freie Wirtschaftssystem ist das Fundament einer freien Gesellschaft
  3. Wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, dann funktioniert gar nichts.
  4. Menschen wollen arbeiten und gestalten.

In diesen vier Punkten kommt der Wille und Wunsch an seine Familie zum Ausdruck, mitzuhelfen, eine bessere Welt zu schaffen. Nachfolgend werden seine wesentlichen Ansatzpunkte – zum großen Teil in seiner Diktion - vorgestellt.

 

Faires Wirtschaftssystem (Fair Enterprise System) schaffen

Die Wirtschaft sieht er von drei Gruppen getrieben: guten Managern, fleißigen Arbeitern und Investoren. Arbeiter haben ein moralisches Recht auf das, was aus ihrer Arbeit entsteht. Weil viel zu wenige Unternehmen das praktizierten „bräuchte es ein Gesetz, das die Arbeiter zu 10 bis 20 Prozent ihrer Löhne am Unternehmensgewinn beteiligt“. Arbeiter müssten das Gefühl haben, einen fairen Anteil zu bekommen, sonst neigten sie dazu, die staatliche Umverteilungspolitik zu unterstützen. Magna hat ein bewährtes Modell der Erfolgsbeteiligung: 10 Prozent vor Steuern in Form von Bargeld und Aktien für Mitarbeiter; 20 Prozent des durchschnittlichen Jahresnettogewinns (von drei Jahren) für die Aktionäre und einen Bonus für das Management von bis zu sechs Prozent des Gewinns vor Steuern. Daneben sollen zwei Prozent des Gewinns vor Steuern für gesellschaftliche Aufgaben verwendet werden und auf die Zukunftsvorsorge, d.h. Forschung und Entwicklung, mindestens sieben Prozent entfallen, womit 55 Prozent für Steuern und Reinvestition zur Verfügung stehen. Ein faires Wirtschaftssystem bedeutet für Stronach: Aus Mitarbeitern Mitunternehmer machen bzw. „aus einer Firma ihre Firma machen“. Eine Gesellschaft von Eigentümern ist der beste und sicherste Weg, sie stärker und stolzer zu machen.

Zu verhindern sind Monopole, weil sie einen fairen Wettbewerb unterlaufen und einen Übergewinn abschöpfen. Folglich plädiert er für drei, vier Anbieter in den jeweiligen Märkten. 

 

Gesellschaft leistungsbereit gestalten

Für Frank Stronach ist es faszinierend, wie Eigentum Menschen verändert, weil es frei macht. Den meisten Menschen sollte es möglich sein, nach rund zwanzig Jahren Arbeit ein schlichtes Zuhause erwerben zu können und ausreichend Rücklagen zu haben, um von den Zinsen bescheiden, aber unbeschwert leben zu können. Das setzt aber eine diesbezügliche steuerliche Entlastung voraus. Leistungsträger gehören belohnt. Ein bedingungsloses Jahreseinkommen lehnt er ausdrücklich ab, weil es eine Gesellschaft spaltet und der Motivation vieler schadet.
In der wachsenden Einkommensungleichheit sieht er ein die Demokratie stark gefährdendes Moment. Die Verteilung von Kapital sei in hohem Maße ungleich und somit ungerecht. Der „freie“ Kapitalismus habe versäumt, den Arbeitern zu ermöglichen, „Kapitalisten“ zu sein.

 

Staat soll Ermöglicher sein

Für einen Unternehmer sind freiheitliche Ordnungen das Beste für die Entfaltung der Talente und die Förderung von Willensstärke. Dagegen ist die Vermachtung in jeder Form von Übel. Stronach tritt für eine Kultur der Eigenverantwortung ein, weil nur sie das Substrat ist, auf dem sich ein gesundes Gemeinwesen bildet. Problematisch ist der Wohlfahrtsstaat, im Wesen ein distributiver Kapitalismus, der Abhängigkeiten schafft, indem er seine Angehörigen „wie Kinder verwöhnt, obwohl die Eltern wissen, dass es ihnen nicht gut tut“.

Das Gemeinwesen hält er für „überbesteuert, überreguliert und überverwaltet“. Als eindrucksvolles Beispiel kann das Steuerrecht dienen: Vor hundert Jahren zählte das US-Steuerrecht 27 Seiten, heute sind es 75 Tausend. An weiteren Beispielen der unaufhaltsamen Selbstverkomplizierung dank einer „Politokratie“ bzw. Parteienwirtschaft, die sich unablässig auf das Finden vermeintlicher Mängel und auf scheinbares Ausbessern kapriziert, fehlt es nicht. Einer seiner Vorschläge zur Vereinfachung: nur mehr zwei Steuerarten, eine Konsum- und eine Umsatzsteuer.

Ein schwerwiegendes Standortproblem sieht Stronach in der Verdrängung der Realwirtschaft, weil die Steuersysteme der westlichen Länder Verlagerungen belohnen und implizit die Finanzwirtschaft bevorzugen. Sein Postulat: Nunmehr geht es darum, „Lagerhallen in Fabriken (zu) verwandeln“.

 

Gesunde Lebensweise fördern

„Ich bin der Meinung, dass wir zu einer natürlichen Art zu leben zurückkehren müssen, zu einem Lebensstil, der im Einklang zur Natur steht“, so sein Credo, dem er Taten folgen lässt. Um gesunde Ernährung zu unterstützen, hat Stronach eine ökologische Farm eingerichtet. Konkrete Empfehlungen werden gegeben wie Werbeverbot für Junkfood für Kinder, Kennzeichnungspflicht für genmanipulierte Nahrungsmittel u.a.m.

Mindeststandards bei Nahrung, Wohnraum, medizinische Versorgung hält er für eine harmonische Gesellschaft unbedingt erforderlich. Und dann tritt Stronach dafür ein, dass Schüler im Rahmen einer „Lifestyle Education“ vermittelt bekommen, wie man ein gesundes, ausgeglichenes und produktives Leben“ führt. Um Schüler besser auf ein Studium vorzubereiten, sollen diese davor zwei, drei Jahre etwas Praktisches machen und sich auf diese Weise beruflich orientieren. Vorstellungskraft und Phantasie wecken, gehört zu einer guten Ausbildung ebenso wie handwerkliche Fähigkeiten. Solch ein Reformpaket erfordert jedoch Lehrer mit Praxiserfahrung und einer nicht distanzierten Einstellung zur Wirtschaft.

Mit besonderem Blick auf die USA erblickt Stronach in deren Sozialsystem einen großen Reformkandidaten. Dringlicher Ansatzpunkt sei auch die Wiederbelebung der Innenstädte durch „urban farming“; einen weiteren Ansatzpunkt sieht er in der Einrichtung von Sozialhilfezentren, vornehmlich für das eine Prozent akut Notleidender.

 

Eine Inspiration für eine bessere Gesellschaft

Erfolgreiche Unternehmer sehen sich meist in der Pflicht, Gutes zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Das sind aus Rückschlägen und Erfolgen gewonnene Erfahrungen – im Unterschied zu Konzepten, die am Schreibtisch ausgesonnen oder in endlosen politischen Diskussionen abgefallen sind; schließlich großzügiges Engagement und finanzielle Hilfe für soziale Belange. Es kommt eben auf das Machen an.

Unternehmen werden als soziale, produktive Einheiten verstanden, die Bestand und Bindung haben und dem Gemeinwohl verpflichtet sein sollen. In deren Verständnis bilden Unternehmen Orte, von denen ein Beitrag zur Besserstellung der Menschen und zum Zusammenhalt der Gesellschaft kommen muss. Frank Stronach will diesem Anspruch gerecht werden.

Manfred Hoefle, Juli 2020

 

PDF-Download: Denkzettel Nr. 61: Frank Stronach

 

Originalausgabe: The Question of All Questions: Where Did We Come from and Where Are We Going? What Water We Will Drink and What Air We Will Breathe 200 Years from Now? A Road Map for Building a More Civilized Society, Xlibris, Bloomington (USA), 2017.