Denkzettel
Nummer 50
 

Werner von Siemens (1816-1892): 
Erkenntnisse eines großen Unternehmers 

Manfred Hoefle

Über der Eingangstüre des Siemens-Hauses in Goslar ließ sein Erbauer, der Kaufmann, Brauer und Stadthauptmann Hans Simens 1693 den Wahlspruch ORA & LABORA anbringen. Seine Symbolik erfuhr im Nachfahren Werner von Siemens einen einzigartigen Ausdruck. Ihm wurde Erfinden, Arbeit und Leistung sein Leben. Seinen Anspruch was Bleibendes zu schaffen legte er in einem Brief an seinen Bruder Carl offen: „eine dauernde Firma zu stiften, welche vielleicht einmal später unter der Leitung unserer Jungens eine Weltfirma à la Rothschild werden könnte und unseren Namen in Ansehen in der Welt bringt!“

Werner von Siemens war vielseitiger Erfinder und unablässiger Weiterentwickler der Technik seiner Zeit. Vor allem war er „Fabrikant“, der seine Erfindungen unverzüglich ausführte und zu Geschäften machte. Das Gebaren eines spekulativen Kaufmanns, das er bei Konkurrenten mit Argwohn wahrnahm, war ihm zutiefst fremd. Seine Skepsis gegenüber finanzkapitalistischen Praktiken, dem Börsengeschäft, verließ ihn nie, auch nicht, als andere Unternehmen durch Zusammenschlüsse - heute würde man sagen M&A – zeitweise rascher expandierten. Die Abhängigkeit von Banken mied er beharrlich.

Im Nachgang zum 200-Jahrjubiläum des bahnbrechenden Unternehmers werden in diesem Denkzettel sein Denken und Handeln anhand eigener Worte, hauptsächlich in Briefen an seine Brüder und aus den kurz vor seinem Tod verfassten Lebenserinnerungen, vorgelegt. Die ausgewählten Zitate geben ein untrügliches und abgerundetes Bild eines Unternehmers, so dass auf eine weitere Kommentierung verzichtet werden kann.

Geschäftsethos und Unternehmertum als Haltung

Gut organisieren ist besser als doppelter Gewinnanteil! Wir müssen immer nur in erster Linie die fernere Zukunft vor Augen haben, darauf kommt es in erster Linie an.“

“Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.“

“In eine Unternehmung, welche, wenn auch höchst unwahrscheinlich, unsere ganze finanzielle Existenz gefährden könnte, würden wir selbstverständlich nie eingehen und wenn sie Krösusschätze verspräche. “

“Ich würde mich lieber totschießen als ertragen, daß ich meine Verbindlichkeiten nicht erfüllen könnte und gegen alle Schätze der Welt übernehme ich nicht das kleinste Existenzrisiko.

“Reelles und nicht nur Geschäftsinteresse muss man an einem Geschäft haben, wenn es befriedigen soll. “

Technik und Qualität als Basis

“Eine wesentliche Ursache für das schnelle Aufblühen unserer Fabriken sehe ich darin, daß die Gegenstände unserer Fabriken zum großen Teil auf eigenen Erfindungen beruhten. “

“Es ist wahres Gift für eine Erfindung, wenn sie zu früh und zu schnell auf den offenen Markt getrieben wird! Der Rückschlag bleibt nicht aus und zerstört auch den gesunden Kern, der Zeit zum Wachsen braucht und Ruhe.“

Leistung und Zufriedenheit der Kunden als Gebot

“Wer das Beste liefert, bleibt schließlich oben, und ich ziehe immer die Reklame durch Leistungen der durch Worte vor. “ 

“Wir haben stets Geschäft auf genereuse Weise betrieben und die begründeten Ansprüche Anderer mehr als unsere eigenen berücksichtigt.

Mitarbeiterengagement und Erfolgsbeteiligung als Verpflichtung

“Es war mir schon früh klar geworden, daß eine befriedigende Wertentwicklung der stetig wachsenden Firma nur herb eizuführen sei, wenn ein freudiges, selbsttägiges Zusammenarbeiten aller Mitarbeiter zur Förderung ihrer Interessen erwirkt werden könnte. “

“…mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich treuen Gehilfen nicht den erwarteten Anteil gäbe. “

“Ich habe noch immer gefunden, daß es die größte Verschwendung ist, diejenigen, die an Geschäften beteiligt sind, nicht am Resultat zu beteiligen. “

Entschlossenes und mitfühlendes Handeln als Maxime

“Entschiedenes und kräftiges Handeln ist in critischen Lagen fast immer das Beste. Selbst einem entschlossenen und wüthenden kleinen Köter gehen die grossen gern aus dem Wege! “

“Wir sind Menschen, wollen auch fühlende und nicht immer egoistisch rechnende Menschen bleiben und keine reinen Geldsäcke und Geldmacher werden. “

“Dabei kann ich mir selbst das Zeugnis geben, daß es nicht Gewinnsucht war, die mich bewog, meine Arbeitskraft und mein Interesse in so ausgedehntem Maße technischen Unternehmungen zuzuwenden. In der Regel war es zunächst das wissenschaftlich-technische Interesse, das mich einer Aufgabe zuführte. “
    

LEHREN FÜR HEUTE UND DIE ZUKUNFT

In der Zusammenschau lesen sich die Zitate wie eine Anleitung zu verantwortungsvoller Unternehmensführung. Vor dem Hintergrund der Überfülle von Managementliteratur und angesichts der Masse von Management-/Strategieberatern und der fortgeschrittenen Akademisierung von Management ist die Aktualität – oder anders gesagt die Zeitlosigkeit dieser Aussagen höchst bemerkenswert. Nebenbei: Durch sie fühlt man sich geradezu angehalten, die Biografien großer Unternehmer zu studieren statt partikuläre Analysen und gehypte Erkenntnisse vielfach unternehmerisch Unerfahrener zu rezipieren. Das Unternehmen Siemens ist gut beraten, das Wissen um das geistige Erbe aufzufrischen und im Bewusstsein der Leitenden zu verankern.

Was sind - in Stichworten - wesentliche Erfahrungen des Unternehmers Werner von Siemens?

Langfristig denken, vorausschauend und verlässlich handeln, Risiken besonnen eingehen. unablässig innovieren, auf Wertschöpfung achten, Qualität von Anfang an produzieren, echte Leistung erbringen sind seine Grundsätze unternehmerischen Handelns; im Gegensatz zu dem Verhalten der von ihm kritisierten „Geldgewinnungsanstalten“ („kurzlebig, in der Leitung oft wechselnd“). Unternehmen in Form von Aktiengesellschaften sollten mehr als Kapitalsammelstellen sein; in erster Linie sind sie in seinen Worten eine „Ansammlung von Kenntnissen und Erfahrungen“. Für Werner von Siemens sind zufriedene Kunden, solche, die sich gut behandelt fühlen, unverzichtbare Sicherheiten für ein Unternehmen. Mitarbeiter, die etwas können und mit Freude bei der Sache sind, verdienen Anerkennung und Beteiligung am Erfolg. Loyalität muss beidseitig sein, wenn sie von Dauer sein soll; eine Erkenntnis, die unter dem Druck der Kapitalmärkte immer häufiger missachtet wurde.

Siemens hat viele dieser Grundsätze über ungewöhnlich lange Zeit gelebt – man spricht zu Recht vom „Geist des Hauses“ - und auf die jeweiligen Verhältnisse mit Erfolg angewandt. Dieses Unternehmen ließ sich aber in der jüngeren Vergangenheit von den Praktiken amerikanischer Unternehmensführung, namentlich von GE, unter kräftiger Mitwirkung von Analysten, Strategieberatern und Medien ungebührlich beeindrucken. Dazu gehörte insbesondere die Vereinseitigung zugunsten des Shareholder Value. Geht man Fehlentwicklungen im Einzelnen nach, stößt man regelmäßig auf Verletzungen der Grundsätze des Unternehmensgründers und trifft nicht selten auf eine große Bereitschaft, Managementmoden mitzumachen.

Die lange Reihe gescheiterter Unternehmen – man denke nur an die einst prominenten Wettbewerber AEG, Westinghouse, GEC – lehrt eindrücklich, dass diese sich immer mehr als bloße Kapitalgesellschaften verstanden. Unternehmen, die ständig umgeschichtet und umorganisiert werden, haben offensichtlich selten Bestand.

Der wohl beste Erfolgsparameter für Siemens - und für andere Unternehmen - bleibt die umsichtige und konsequente Beachtung der Grundsätze Werner von Siemens.

Für die Unternehmensführung und die Mitarbeiter mögen die letzten Zeilen aus seinen Lebenserinnerungen Ansporn sein: „Denn mein Leben war schön, weil es wesentlich erfolgreiche Mühe und nützliche Arbeit war.“

Manfred Hoefle, 7. September 2017

 

LITERATUR

  • Bähr, Johannes: Werner von Siemens (1816 -1892) –Eine Biografie, C.H. Beck, 2016 München.
  • Feldenkirchen, Wilfried: Siemens, Von der Werkstatt zum Weltunternehmen, München 1997.
  • Siemens, Werner von: Lebenserinnerungen, 19. Auflage, hg. von Wilfried Feldenkirchen, München 2004 (erste Auflage, Berlin 1892).
  • Siemens-Archiv Berlin: Briefe