Denkzettel
Nummer 5
 

Manager(isten) von morgen – ein Einblick in die Welt, aus der sie kommen

Die Klagen, dass Führungskräfte sich arrogant und autoritär verhalten, mechanistisch denken und ausschließlich Nützlichkeitsüberlegungen gelten lassen, sind bekannt; solche Führungskräfte sind im „besten Sinne“ Manageristen! Doch wie wird man zum Manageristen? Die Sozialisation dazu beginnt häufig schon im Betriebswirtschafts- oder Ingenieursstudium an der Hochschule.

Die irritierende Antwort eines Ingenieurstudenten auf die Frage: „Warum fällt bei der Besetzung von Vorgesetztenpositionen häufig die Wahl auf einen Kollegen aus einer anderen Abteilung und nicht auf einen Mitarbeiter aus dem Team?“ lautet „Weil der seine Befehle besser durchsetzen kann.“

Schnoddrige Antwort eines Studenten, nachdem er zum zweiten Mal eine schriftliche Ausarbeitung zurück erhielt, weil sie 1:1 aus dem Internet kopiert war: „Das machen doch alle so. Nennen Sie mir eine Führungskraft, die nicht abschreibt!“
Die Feststellung eines Studenten am ersten Praktikumstag in einer kleinen mittelständischen Firma, nachdem ihm gesagt wurde, er solle mit Herrn X ins Lager gehen: „Das Lager bietet keine studienrelevanten Inhalte!“

Eine häufige Bemerkung auf Evaluierungsbögen: „Die Inhalte der Veranstaltung sind für die spätere Karriere nicht relevant!“

Diese Antworten mögen nicht repräsentativ sein, doch sie machen nachdenklich, geben sie doch überspannte Erwartungen und die manageristische Einstellung Studierender wieder, also jener Personen, die in 10 bis 15 Jahren voraussichtlich Führungspositionen in unserer Wirtschaft bekleiden werden. Immer mehr gibt der Arbeitsmarkt die spezifischen Qualifikationen vor, die gebraucht werden, und die Hochschulen beeilen sich, diese zu liefern. Die Folge: Sie müssen in sehr komprimierter Form spezifisches Wissen kompakt und zügig vermitteln und dabei von ihrem früheren Anspruch, nicht nur eine Ausbildungs-, sondern auch eine Bildungsstätte zu sein, weit abrücken.

Mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge – die auch auf Betreiben der Wirtschaft eingeführt wurden, um die Studienzeiten zu verkürzen – verstärkte sich das Nützlichkeitsdenken an den Hochschulen; einem unheilvollen Utilitarismus, der der akademischen Welt früher eher fremd war, wurden die Tore weit geöffnet. Neben der positiv zu wertenden Anbindung an aktuelle technologische Entwicklungen werden die Studierenden im Gegenzug zu „bloßen“ Fachkräften ausgebildet, die sich an der Nachfrage der Unternehmen orientieren. Mag die Hochschulreform – das schnelle Durchschleusen von Studierenden durch eine technische oder betriebswirtschaftliche Ausbildung – kurzfristig Erfolg haben, indem sie einem seit Jahren absehbaren Fachkräftemangel entgegenwirkt, so bildet sie durch das sehr spezialisierte Studium doch auch das Fundament jener Strukturen, aus dem mittel- und langfristige Katastrophen entstehen.

Aus diesem Hochschulwesen kann kaum noch etwas Neues entstehen.

In einem so optimierten Studienalltag sind – genau wie in den rekrutierenden Unternehmen – schnelle, oft nur kurzfristige Ergebnisse und Problemlösungen gefragt: ein Bewusstsein, das in den Köpfen der Student/inn/en immer mehr Raum einnimmt. Kurzfristiges Denken und Nützlichkeitsstreben verschränken sich. Dazu passt die Feststellung des Konstanzer Hochschulforschers Tino Bargel, dass „…alternative Ideen und Lebensformen unter Studierenden heute wenig gefragt sind und die Student/innenschaft deutlich weniger vielfältig ist als noch in den 1980er Jahren“.

Viele der Studierenden haben heute ihre Karriere bereits fest im Blick. Im Hochschulalltag zeigen sie sich sehr angepasst, einem offenen Disput oder kritischen Zwiegespräch gehen sie eher aus dem Weg. Die pragmatische Orientierung und die Werbemaschinerie der Wirtschaft verleiten sie dazu, den schmeichelnden Klängen der Job-Börsen zu erliegen und sich bisweilen schon im Studium auf der ersten Stufe zur Vorstandsetage zu sehen. Unterstützt wird diese Illusion durch Professoren und Dozenten, die die Botschaft von Karriere und „Führungskräften von morgen“ an ihre Student/inn/en weitergeben und damit ihren eigenen Stellenwert erhöhen. Eine unheilvolle Entwicklung nimmt ihren Lauf, da den Studierenden kaum mehr vermittelt wird, was sie im späteren Berufsleben „wirklich“ erwartet. Falsche Versprechungen und überspannte Erwartungen lassen Studierende – besonders an technischen und betriebswirtschaftlichen Fakultäten – tatsächlich glauben, dass sie die Elite von morgen sind. Entsprechendes Verhalten inklusive!

Das Bewusstsein, dass die Arbeitswelt ein Zusammenspiel von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung, unterschiedlichen Alters und verschiedenster Kompetenzen ist, rückt bei den Studierenden zunehmend in den Hintergrund. So fehlt ihnen dann als Berufsanfängern Zurückhaltung und Bescheidenheit, oft gefolgt von der bitteren Erkenntnis, dass ihnen ihr exzellentes Technikstudium nicht hilft, wenn sie einen 60jährigen Meister seines Fachs vor den Kopf stoßen oder die 35jährige erfahrene Sekretärin von oben herab behandeln.

Zwar sollte die hier eingeforderte soziale Kompetenz bereits im Elternhaus und in der Schule vermittelt werden, aber die Hochschule ist nicht außen vor, schließlich ist sie die Institution, welche die Studierenden in die Arbeitwelt entlässt und ihnen das Wissen an die Hand gibt, das ihnen eine spätere Karriere ermöglichen soll. Die an der Hochschule Lehrenden haben daher eine Vorbildfunktion, ihre Verantwortung geht über die reine Vermittlung fachlichen Wissens hinaus.

Die Feststellung von Max Horkheimer bei der Rektorenkonferenz im Juli 1953 hat auch heute noch Gültigkeit: „Es ist an uns…dass das Bewusstsein derer, für die wir die Verantwortung tragen, weiter reiche als ein Zustand, der uns allesamt in Funktionäre verwandeln möchte… Was wir unseren Studenten übermitteln können, damit sie nicht die Vernunft verraten, das ist keineswegs bloß rational. Wir können ihnen nicht beweisen, warum sie sich nicht zu Angestellten machen lassen sollen, während alles zu ihrer Eingliederung verschworen scheint. Aber wir können ihnen das Bild einer Existenz von Menschen geben, die von dem anderen, das abstrakt sich nicht benennen lässt, nicht ablassen: das Bild von Menschen, die nicht immer gewitzigter werden, um am Ende bloß zu verdummen.“

Angehenden fähigen Führungskräften – Manager/inne/n im positiven Sinne – muss bereits in ihrer Ausbildung und damit auch und besonders an der Hochschule verantwortliches Handeln und Agieren vermittelt und vorgelebt werden. Für diesen Prozess ist es wenig hilfreich, wenn Professoren und Dozenten äußerst berechnend ihre Studierenden nutzen, um auf einfache Weise ihre eigenen Veröffentlichungslisten zu verlängern, indem sie ohne Nachfrage aus Diplom-, Praktikums- und Doktorarbeiten abschreiben. Ebenso stellt sich die Frage: Welche Botschaft kommt bei Studierenden an, wenn Professoren klar zum Ausdruck bringen, dass „banale Vorgaben“ der Hochschulverwaltung (Parkplatzregeln usw.) nur für Studierende und „unteren Chargen“ gelten?

Die Hochschulen sind angehalten, auch in Zeiten von Credit Points, Modulen, Globalisierung den Studierenden ins Bewusstsein zu rufen, dass ein Studium nicht nur wirtschaftliche Vorteile bringt und gesellschaftlichen Aufstieg ermöglicht, sondern dass sie damit auch „…Mittel an die Hand (bekommen), durch die man im gegenwärtigen Leben vorwärts kommen kann, ja, sogar an hervorragenden Stellen der Gesellschaft andere vorwärts bringen kann.“
(Horkheimer, 1952)

Der Gedanke, dass ein Studium nicht nur die Grundlage zur eigenen Karriere sein kann, sondern auch eine Chance – vielleicht gar Verpflichtung –, andere Menschen zu fördern, kommt im Gerede um Karriere, Talente und Aufstiegschancen viel zu kurz!