TOO BIG TO FAIL VERSUS RECHTES MAß

Zum Dilemma übergroßer Unternehmen

Manfred Hoefle

Inhaltsübersicht und Zusammenfassung der Denkschrift

INHALT

ZUSAMMENFASSUNG 3)

VORBEMERKUNGEN 4)

Führbarkeit 7)
Führbarkeit von Unternehmen und Größe
Formen, Maßstab, Dynamik von Größe
Indizien für Über-Größe
Führungsaufwand und -leistung
Unterschätzte Nachteile von Größe

Wachstumssucht 17)
Größe – Macht – Reichtum als Grundveranlagungen
Wachstumsdrang/Wachstumssucht
Originäre und parasitäre Wachstumstreiber
Logik der Größe ‑ vorgebrachte Argumente
Praxis manageristischer Führung
Offensichtliche Fälle von Über-Größe

Verantwortung 33)
Verantwortung ‑ Bindung ‑ Robustheit als Maximen
Gebot verträglicher Größe

Begrenzung 36)
Haftung verstärken
Incentivierung umstellen
Wachstum bremsen
Bail-outs ausschließen
M&A einschränken
Übergroße Unternehmen zurückbauen
Wettbewerb präventiv regulieren

Postulat: Exzellenz und Rechtes Maß 46)

LITERATUR 49)

 

ZUSAMMENFASSUNG

Größe von Unternehmen ist ein wenig wahrgenommenes Thema. Droht aber im Zuge einer Wirtschafts- und Finanzkrise die Insolvenz eines Großunternehmens, wird Größe unversehens zu einem aufsehenerregenden Problem. Da wird von Systemrelevanz und von unvorhersehbaren Kollateralschäden gesprochen, es taucht der Begriff TBTF (Too Big To Fail) auf, also die überraschende Einsicht, dass das betreffende Unternehmen zu groß ist, um fallen gelassen zu werden. Hektisches Bemühen von allen Seiten setzt ein – wie jüngst im Falle von Opel bis hin zur Bundeskanzlerin –, um dem Problem Herr zu werden.

Übergröße ist nach aller Erfahrung mit Unternehmensorganisationen mit mangelnder Anpassungsfähigkeit und einer Machtkonzentration beim Management verbunden, die diese unumwunden zum eigenen Vorteil einsetzt. Größe ist nicht „systemneutral"; sie dient einer Reihe von Unternehmen dazu, die Risiken des Wirtschaftens für sich klein zu halten und hohe Gewinne zu erzielen. Es besteht ein großes Einverständnis zwischen Kapitalmarkt und Management zu einem ungehemmten Streben nach Wachstum, und folglich zur Größe.

Zu wenig gesehen werden die Nachteile für Wirtschaft und Gesellschaft: Die fortschreitende Wettbewerbskonzentration, die schwindende Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen, die nachlassende Innovationsbereitschaft, die große Distanz zu den Kommunen und zu den Ländern, in denen sie aktiv sind, die Gefährdung der Marktwirtschaft und letztlich die Aushöhlung der Demokratie. Am schwerwiegendsten ist dabei die allseits eingetretene Diffusion von Verantwortung.

Der Entdecker des Unternehmers in der Ökonomie, Joseph Schumpeter, bewertete vor mehr als einem halben Jahrhundert Größe kurz und sachlich: „Bigness is fundamentally bad when it comes to capitalism." Heute ist Größe in Folge von Globalisierung und lascher Fusionskontrolle in den großen Industrieländern an einer besorgniserregenden Schwelle angekommen: Unternehmen mit einer Million Beschäftigten oder einem Umsatz, der der Wertschöpfung eines mittelgroßen europäischen Landes entspricht.

Größe zu begrenzen bzw. das Wachstum großer Unternehmen zu bremsen, ist ein überfälliger pragmatischer Beitrag, die Wirtschaft robuster zu machen und die Wettbewerbskonzentration einzuschränken. Exzellenz statt Größe muss die zukünftige Leitlinie sein und dafür gibt es gerade im Mittelstand viele Vorbilder, besonders in Deutschland. Der Beitrag muss in erster Linie von den Unternehmen selbst kommen, beginnend mit der Umstellung der Vergütung auf langfristige Wertschöpfung anstelle kurzfristiger Wertsteigerung. Der Staat wiederum – vermehrt die Staatengemeinschaft – hat aber den Auftrag, aktiver zu werden: Ausschluss von Bail-outs, strikte Fusionskontrolle, u.a. durch Einschränkung von M&A und Verstärkung der Haftung der Unternehmensverantwortlichen; als letztes Mittel den Rückbau übergroßer Unternehmen.

Manfred Hoefle, 21. Juli 2011