Denkzettel
Nummer 48
 

CSR oder der modische Ersatz für den Ehrbaren Kaufmann

Klaus Demleitner

Es ist ein bekanntes Phänomen: Werden Defizite festgestellt, die nach gründlicher Analyse durch verantwortungsvolles Umsteuern zu beheben wären, sind flugs kreative Beratungsgesellschaften zur Stelle und bieten Tools und Rezepte an; selbstredend gut verpackt und tituliert. Genau so verhält es sich beim Ehrbaren Kaufmann. Dass das Geschäftsgebaren von Unternehmen, d.h. mancher Unternehmer und zahlreicher Manager, sehr zu wünschen übrig läßt, ist gewissermaßen das Defizit. Statt nun Ursachen und Verhalten zu hinterfragen, also Problemlösung zu betreiben, wird CSR (Corporate Social Responsibility) als Allheilmittel propagiert und zugleich als Dienstleistungspaket bis zur Zertifizierung seitens bekannter Beratungsgesellschaften angeboten. Manche IHK und einzelne Verbände springen auf diesen Zug auf und bestärken einen Trend, der sogar an Universitätsinstituten als Surrogat zum Ehrbaren Kaufmann gehandelt wird.

CSR hat die Wirkung verfehlt

Dieses Instrument taugt weder theoretisch noch praktisch als Ersatz für das, was sich hinter der Figur des Ehrbaren Kaufmanns verbirgt. Ganz im Gegenteil: Betrachtet man die übelsten Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit, läßt sich daraus eher ableiten, dass sich die Dicke bzw. Seitenzahl der CSR-Reports umgekehrt proportional zum (dann leider eben nicht mehr) Ehrbaren Kaufmann verhält. Exemplarisch lassen sich hier die Deutsche Bank (Corporate Responsibility Report 2014, 98 Seiten plus Corporate Citizenship Report 2014, 27 Seiten) sowie Volkswagen (Sustainability Report 2014, 156 Seiten) nennen.

Bei ersterer Organisation fallen einem hierzu ein: milliardenhohe Strafzahlungen aufgrund von Verurteilungen in den USA; eine ganze Reihe von Vorständen steht in Deutschland vor Gericht; das Institut hat über einen längeren Zeitraum weltweit den Interbankenzinssatz (LIBOR) manipuliert usw. Beim Autobauer geht es bekanntermaßen um Geklüngel von Vorstand und Aufsichtsrat, die Hartz-Affäre, und neuerdings den massenweisen Betrug um Abgaswerte, um es bei einer Auswahl zu belassen. Die Reihe kann fortgesetzt werden um weitere Vertreter der Automobilindustrie, Banken, Versicherungen, Telekommunikationsunternehmen und des Handels. Auffallend, wenngleich nicht verwunderlich, ist auch, dass sich diese Auswüchse mit steigender Unternehmensgröße zu potenzieren scheinen. Das kann als Indiz dafür gewertet werden, dass persönlich haftende Unternehmer oder Handwerker ein anderes Grundverständnis von Geschäftsgebaren haben als Manager vor allem börsennotierter Unternehmen.

Worum es eigentlich geht

Der hier gemeinte Kaufmann ist keine juristische Person, immer eine natürliche Person; insoweit unterscheidet sich diese von der Definition im HGB. Er ist geschäftsführender Gesellschafter, selbständiger Handwerker oder Manager; letzterer als Leitender Angestellter, als angestellter Geschäftsführer, Werkleiter oder, in vergleichbarer Position, auch als Vorstand oder Aufsichtsrat.

Zunächst bezieht sich das Ehrbare am Verhalten eines Kaufmanns auf seine Kaufmannseigenschaft. Diese umfasst im Wesentlichen den Umgang mit seinen Mitarbeitern, mit seinen Kunden und mit seinen Lieferanten. Dazu kommt ebenfalls im Kontext unternehmerischen Handelns der Umgang mit der Gesellschaft (eng.: social): Hier sind insbesondere der Umgang mit dem Fiskus, die allgemeine Einhaltung von Vorschriften sowie der Umgang mit der Umwelt (Abwässer, Schadstoffe etc.) zu nennen. Das ist ein weites Feld, in dem man sich als ehrbar erweisen kann.

Viel Dysfunktionales

Und genau in diesem Feld findet sich zunehmend befremdliches bis widerliches Verhalten. Da werden Kunden wie Mitarbeiter mithilfe von hot-lines anonymisiert und damit auf Distanz gehalten. Eine Massenentlassung erfolgt mitunter über E-Mail, was rechtlich zulässig, menschlich aber schäbig ist. Lieferanten werden genötigt, Preise und Konditionen zu akzeptieren, die sie in die Nähe des Ruins treiben. LKW-Fahrern wird bei minimaler Überschreitung der Anlieferzeit das Entladen verwehrt, unter Inkaufnahme des permanenten persönlichen Stresses der Trucker und einer dadurch bedingten Erhöhung der Gefährdung im Straßenverkehr. Über die sog. Obsoleszenz wurde auch schon viel geschrieben; exemplarisch sei nur auf die nunmehr „smarten“ Produkte der Kfz-Hersteller verwiesen, die vermeintliche Innovation dazu nutzen, mittels aufwendiger Diagnosetechnik alles Mögliche aus den Datenspeichern auszulesen, sich das teuer vergüten zu lassen und letztlich zur Fehlerbehebung doch nur ein einfaches Stück Hardware zu tauschen. Banken führen neue Gebühren ein in der Hoffnung, dass es keiner merkt (kleine Summe mal große Anzahl); macht sich der Kunde dennoch bemerkbar, werden wahlweise vorher antrainierte Schubladen gezogen. Vereinfacht: Typ1 naiv: niederbügeln und abwimmeln; Typ2: vermutlich kompetent, dann kulant zeigen. Die Liste der Pathologien ist lange und vielfältig. Und genau hier kann und muß man ansetzen.


CSR - eine Augenwischerei

Stattdessen wird die billige Abkürzung genommen. CSR scheint bisweilen als eine perfide Strategie, um von unlauterem Geschäftsgebaren abzulenken und den Blick des Beobachters auf Nebenschauplätze zu lenken. Da werden im Urwald Bäume gepflanzt, Kindergärten mit ein paar Farbkübeln bedacht oder diverse Spenden platziert, selbstredend gegen steuermindernde Quittung. Gleichzeitig verstößt man gegen geltendes Recht und verhält sich einfach unlauter. Exemplarisch sei nochmals auf den bereits genannten Bericht von VW verwiesen: Im Besonderen wird der Umgang mit Lieferanten zu „fair trade“-Konditionen hervorgehoben (S. 75) – beim Bezug einiger weniger Produkte für die Kantine! Die übrigen Lieferanten (99,99 %) werden weiterhin in "Lopez-Manier" behandelt. In der jetzigen Form ist CSR bestenfalls eine marketingtechnische Ergänzung in Form publikumswirksamer Propaganda, eine Werbemaßnahme, ggf. Sponsoring oder eine besondere Art Spendengelder zu plazieren. Bei letzterer Variante wird zusätzlich zur steuerlichen Absetzbarkeit gerne eine Gegenleistung erwartet, insbesondere wenn kommunale Einrichtungen bedacht werden und damit die Politik ins Spiel kommt.


Notwendig: Rückbesinnung auf das Wesentliche

Dem Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und der Gesellschaft (in Form des Anwohners, Steuerzahlers, Verwaltungsbeamten, Bürgers) ist am meisten gedient, wenn der Kaufmann sein Kerngeschäft ehrlich und redlich betreibt. Bleiben die infolge diverser Umtriebe entstehenden Schäden für die Gesellschaft aus, hat diese genug Mittel, um selber einen Kindergarten vom Maler renovieren zu lassen. Es muss wieder um das Wesentliche gehen, um die betriebliche Wertschöpfung mit Respekt und Anerkennung der Personen im Haus und auf Seite der Lieferanten und Kunden.

Dreh- und Angelpunkt für entsprechende Veränderungen sind die in entsprechenden Positionen handelnden Personen; hier bestehen die größten Defizite. Diese rühren u.a. her von einer nicht auf Kompetenz basierenden Besetzungspolitik, mangelnder Integrität und Souveränität von „Führern“ und einem teilweise extrem rücksichtslosen ausschließlich auf die persönliche Karriere fokussierten Geltungsdrang einiger Protagonisten. Gefragt sind hier jedoch Persönlichkeiten mit Rückgrat und einem intrinsisch verorteten Wertekompaß.

Entschuldigend wird argumentiert, dass sich Werte geändert hätten, auf die sich der „alte“ Ehrbare Kaufmann bezogen habe. Ganz im Gegenteil. Das hieße, dass man in Sachen Wertschätzung dem Zeitgeist frönt und Personen hinter dem Kapital einordnet. Am Kern verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns hat sich rein gar nichts geändert; „It‘s all about the people“ (Peter Drucker).

Klaus Demleitner, 10. Juni 2016