DENKZETTEL
Nummer 35
 

Der Ehrbare Kaufmann Reloaded  — Zwischen  Ehre und Kalkül

Klaus Demleitner

„Der Verfall von Geschäftsehre zeugt nur von dem Verfalle der Sitten überhaupt und ist nur ein einzelnes Zeichen, wie sehr das Gute, Edle, Würdige aus dem inneren Leben zu verschwinden droht, und dies ist ein sehr trauriges Zeichen, weil es allemal dem Verfalle und dem Unglücke eines Volkes vorausgeht." [1]

Mit diesen Worten Adalbert Stifters ist alles gesagt. Sie beschreiben die Verflechtung von Wirtschaft und Gemeinwesen und unterstreichen die Bedeutung von Werten.

In unserer Wirtschaftswelt läuft vieles gewaltig schief: Konzernstrukturen, Machtkonzentration, Vermögensverschiebungen, Wohlstandsgefälle. Verlierer sind die Kleinen; der Mensch bleibt auf der Strecke, wird als homo oeconomicus zum manipulierbaren Wirtschaftsobjekt – als Mitarbeiter, Verbraucher, Mitglied der Gesellschaft. Die Auswirkungen von Fehlentwicklungen sind immer öfter nicht mehr überschaubar und regional begrenzt, sondern infizieren aufgrund der starken Vernetzung und internationaler Strukturen in kurzer Zeit die Nachbarschaft, Volkswirtschaften und sogar weite Teile der Welt.

In den vergangenen Jahren ist die Erkenntnis gereift, dass solche Entwicklungen ursächlich mit der Einstellung und dem Handeln einflussreicher Personen in Führungsetagen verquickt sind. Man bemüht sich um Lösungen. Wissenschaftlich versucht man sich der Thematik mit der Einrichtung zahlreicher Lehrstühle für Wirtschaftsethik zu nähern. Dabei hat man auch den „Ehrbaren Kaufmann" wiederentdeckt, ihn gewissermaßen ausgegraben aus der Mottenkiste der Altruismen, Ideale und bewährten Verhaltensweisen.

Der Ehrbare Kaufmann – ein wertebasiertes Vorbild

Doch was und vielmehr wer ist ein Ehrbarer Kaufmann? Dafür gibt es keine Legaldefinition, das ist nicht im HGB beschrieben und in keiner DIN-Norm festgelegt. Der Ehrbare Kaufmann ist zunächst einmal Mensch, ein Individuum und als solches eben nicht normierbar.

Ich kenne zahlreiche Unternehmer und Führungskräfte; darunter sind einige, die ich als Ehrbaren Kaufmann bezeichnen würde. Das sind sehr unterschiedliche Typen, Charaktere, Menschen; alle haben eine individuelle, besondere Art mit Menschen umzugehen - generell und in speziellen Situationen. Das macht sie zu etwas Besonderem, ohne dass ihnen das selber bewusst ist. Da gibt es einen Unternehmer, der beim Verkauf seines „Lebenswerkes" Wert darauf legt, dass „meine Leut' am bestehenden Standort eine Zukunft haben" und der dafür erhebliche Abschläge vom Verkaufserlös seines Unternehmens in Kauf nimmt. Ein anderer besucht mehrmals die Woche über ein Jahr hinweg einen todkranken Mitarbeiter in der Klinik und läßt ihn in diesem Zeitraum auf der Gehaltsliste stehen. Ein dritter beleiht seine Grundstücke in einer Krisensituation und setzt sein gesamtes Privatvermögen ein, um Mitarbeiter nicht in die Kurzarbeit schicken zu müssen und, weil er keine Almosen vom Staat will. Das muß nicht immer so extrem sein; in vielen Fällen zeigt sich der Ehrbare Kaufmann auch schon in Kleinigkeiten.

Der Ehrbare Kaufmann begegnet uns in einer jeweils sehr individuellen und spezifischen Ausprägung. Die Gemeinsamkeiten und Schnittmengen all dieser Persönlichkeiten sind vordergründig nur gering. Wenn man allerdings deren Handeln und die zugrundeliegende Einstellung abstrahiert, dann geht es immer um den Umgang mit Menschen, die Achtung vor Menschen und die Wertschätzung von Menschen. Wesentlich sind charakterliche Eigenschaften, ein Wertekodex, innere Überzeugung, die Verwurzelung im Gemeinwesen und in der Familie; alles mit Selbstverständlichkeit gelebt und nicht zur Schau getragen. Das Besondere im Handeln des Ehrbaren Kaufmanns zeigt sich im Umgang mit Menschen, Kollegen, Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, Partnern, und der Öffentlichkeit; darin, was er tut und was er nicht tut; in der Art und Weise wie er es tut oder nicht tut. Bei alledem nimmt sich der Ehrbare Kaufmann nicht so wichtig - und er erhebt sich nicht über andere „Ehe man zu Ehren kommt, muß man Demut lernen." heißt es schon im Buch der Bücher [2].

Der Ehrbare Kaufmann agiert intrinsisch motiviert, sozusagen charakterlich voreingestellt - ehrlich, konkludent, souverän. Er ist kein Übermensch, macht und hat Fehler, unangenehme Seiten, Laster. Dazu steht er, das macht ihn authentisch.

Ein Ehrbarer Kaufmann muss nicht ökonomisch besonders erfolgreich sein. „Honor and profit lie not in one sack" [3]. Mitunter verhindern Anstand und Charakter sogar, dass man ein (vordergründig) lukratives Geschäft macht, weil man eben zu diesen Spielregeln (auch diesseits der Legalität) nicht mitmachen will. „Die Ehre verbietet häufig, was das Gesetz erlaubt." hat schon Seneca [4] erkannt.

Ein Ehrbarer Kaufmann ist gewissermaßen das Ergebnis einer retrospektiven Gesamtwürdigung eines Unternehmers bzw. einer Führungskraft. „Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung." [5].

Der Ehrbare Kaufmann – dem ökonomischen Kalkül geopfert

Grundsätzlich ist die auflebende Diskussion um den Ehrbaren Kaufmann zu begrüßen, da sie (nichtbilanzierbare!) Werte wieder ins Spiel bringt, den Fokus neu justiert. Es spiegelt ferner die Erkenntnis wider, dass man tiefer ansetzen muss, um substanziell etwas zu bewirken.

Im Windschatten dieser Bemühungen wird allerdings versucht - ausgerechnet von ethisch-moralisch nicht gerade positiv vorbelasteten Beraterkreisen -, diesen Gedanken zu instrumentalisieren und in ein Methodenspektrum nach MBA-Denkart zu integrieren.

Letztlich soll damit Geschäft generiert werden: Strukturierung, Implementierung und Zertifizierung von CSR (Corporate Social Responsibility)-Systemen: Standards, Methoden, Tools. Der Ehrbare Kaufmann als Wirtschaftsgut, normiert und mit einer Urkunde ausgezeichnet. Damit wird man dem Ehrbare Kaufmann nicht gerecht, ja man entzieht ihm sein Wesen. Der bedeutende Managementlehrer Henry Mintzberg [6] prangert solche Praktiken als Feigenblatt an: „... faced with public accusations of the organization's social irresponsibility, thin management appoints a vice president in charge of social responsibility to be responsible for everyone else."

Ehrbarer Kaufmann wird man nicht durch Abarbeiten von Checklisten oder CSR-Methoden; genau das widerspricht dem Wesen eines Ehrbaren Kaufmanns! Das ist Schau, PR, Marketing. Ehre entzieht sich dem betriebswirtschaftlichen Kalkül; das ist nicht über ein Scoring-Modell abzubilden oder abzuarbeiten in der Art: ab 100 Punkte bist Du ein Ehrbarer Kaufmann! Der Ehrbare Kaufmann, gewissermaßen als Wertattribut, spielt auf einer anderen Ebene und ist eben nicht durch planvolles, berechnendes Handeln zu erlangen; genauso wenig, wie man seine eigene Seligsprechung vorbereiten kann. „Die Ehre muß Dich suchen, nicht Du die Ehre!" [7].

Ehre kann man nicht kaufen. "Ehrgeiz ist eine unmäßige Begierde nach Ehre." [8]. Der Ehrbare Kaufmann ist auch kein Titel; das wird man nicht durch Kurse oder Ausbildung. „Ehrgefühl kann man nicht lehren; es kann nur in einem selbst entstehen" [9]. Wer das nötig hat oder mit einer solchen Intention daran geht, verhöhnt die Persönlichkeiten, die tatsächlich dem Geiste des Ehrbaren Kaufmanns entsprechen und durch ihr Wirken Vorbilder sind.

Fazit

Es gibt ihn noch, den Ehrbaren Kaufmann; in Gestalt von Männern und Frauen, die Tugenden verkörpern, Werte leben und damit Vorbilder sind in einer Zeit der Verwahrlosung von Geschäftssitten und schier grenzenlosem Egoismus und Profitstreben. Nicht die vordergründig ehrbare Fassade und nominalen Prädikate von Eitelkeit getriebener Manager zählen; sondern die aufrechte und aufrichtige Haltung dieser wertvollen Menschen. Es ist an uns, letztere von ersteren zu unterscheiden, ihnen die verdiente Wertschätzung zuteil werden zu lassen und uns an ihrem Handeln zu orientieren.

Klaus Demleitner, 10. September 2014

 

Zitate und Quellen

[1] Adalbert Stifter, in Hg. Gustaf Wilhelm: Adalbert Stifter Sämtliche Werke; Band 16, Verlag Gerstenberg, Hildesheim, 1972, S. 125.

[2] Bibel, Buch der Sprüche, Spr. 15,33.

[3] George Herbert: Outlandish proverbs; 1640, #232.

[4] Lucius Annaeus Seneca, zitiert nach: http://www.aphorismen.de/suche?f_thema=Ehre&f_rubrik...24; 23.05.2014.

[5] Arthur Schopenhauer, in Hg. Paul Deussen: Schopenhauer's sämtliche Werke; Band 4, Piper, München, 1913, S. 400.

[6] Henry Mintzberg: Mintzberg on Management; The Free Press, New York, 1989, S. 354.

[7] Friedrich Rückert, zitiert nach Ferdinand Burckhardt: Psychologische Skizzen zur Einführung in die Psychologie; J.G. Walde, Löbau, 1901, S. 247.

[8] Benedictus de Spinoza: Sittenlehre; Olms, Frankfurt und Leipzig, 1744, Rz 397, S. 327.

[9] Publilius Syrus, zitiert nach Hg. Marcus Tullius Cicero, Georg Gentrum: Mitte, Maß, Muse, Cicero und andere römische Schriftsteller über den Menschen; Herder, Freiburg, 1984, S. 128.

Siehe auch: Der Ehrbare Kaufmann - Leitbild auch für heute http://managerismus.com/themen/governance-compliance/einsichten-nr-5