Günther W. Hackenschmidt schrieb zu "Gute Corporate Governance"

Wenn man die Schrift liest und in etwa die Entwicklung des Themas aus der Historie mitverfolgt hat, kommt man zu dem Schluss, dass es noch einen weiten Weg zurückzulegen gibt. Und dies, obwohl die Prinzipien guter Unternehmensführung schon seit mehr als 30 Jahren durch die Unternehmenswelt vor allem der Großunternehmen geistert. Wie die Schrift zutreffend ausführt, treten Corporate Governance-Defizite vorwiegend bei großen Publikumsgesellschaften mit großer, heterogener Eigentümerstruktur auf.

Neben den aufgeführten, klassisch zu nennenden Systemfehlern ist die alleinige Verabfolgung des Shareholder Value-Gedankens und daraus folgender Kurzfristdenkweise wohl Mit-Auslöser der Probleme. Dabei haben Wirtschaftswissenschaftler schon früh gewarnt und dagegen die Idee des "Stakeholder Value" , der längerfristigen strategischen Orientierung, favorisiert. Dabei wurde Porter's Industrie-Ökonomik aufgegriffen, die vorsieht, darzustellen, welchen effektiven Mehrwert ein Unternehmen im Berichtszeitraum für Aktionäre, Staat, Mitarbeiter und sonstiges Umfeld erbracht hat – den Shareholder Value also nur als gewichtige Teilmenge unter anderen vorsieht. Teile dieser Denkweise (leider zu wenige!) finden sich heute u.a. in den sogenannten "Sozialbilanzen" zu den Geschäftsberichten wieder.

Auf makroökonomischer Ebene wurden in den 1970er Jahren auf US-Initiativen Verhaltenskodices für multinationale Konzerne entwickelt, die im Kern in eine ähnliche Richtung zielten. Trotz positiver Aufnahme der seinerzeitigen Vorstellungen durch eine Anzahl heutiger Dax-Konzerne hatte wohl seinerzeit nur der VW-Konzern diese Kodices zusammen mit etwa 80 Welt-Konzernen unterschrieben. Eine weitere, spätere Verbreitung erfolgte nicht.

Weitere "Codes of good conduct" wurden in dieser Zeit und danach ins Leben gerufen, wie z.B. die Konsens-Regeln bei Internationalen Bietungsverfahren in Bezug auf Ausbietungen über Kreditkonditionen (OECD) oder die Vermeidung von direkter oder indirekter Mitfinanzierung von militärischen Gütern im weiteren Sinn (Initiative USA/Schweiz).

Solche Verhaltensregeln wurden meist ausgelöst in Folge öffentlich gewordener Skandale oder durch – meist in politisch induzierte – Großgeschäfte eingebettete Korruptionsverfahren, gerieten jedoch später wieder in Vergessenheit oder „verdampften" in Richtung „Orientierungsmaßstab". Dem jetzt vorliegenden Kodex und seinen Inhalten, ohne wirkliche Sanktionsrisiken, dürfte es ebenso ergehen, sollten die handelnden Institutionen die Erfahrungen der Vergangenheit nicht mit einbeziehen. Diesbezüglich sehe ich mich mit den Verfassern der Denkschrift einig.

Günther Hackenschmidt