Klaus Demleitner schreibt über Managerismus.com:

Managerismus.com ist ein Lichtblick in der Auseinandersetzung mit dem Thema Management. Sowohl die Themenauswahl als auch die Formate eröffnen neue Blickwinkel und Möglichkeiten des Disputs auf und über „Pathologien" in sog. Top-Etagen. Ich habe alle Streit- und Denkschriften gelesen. Die Lektüre ist nicht nur kurzweilig, sondern auch aufschlußreich und treffsicher. Nachfolgend möchte ich ein paar Gedanken zur Diskussion beisteuern:

In mittelständischen Unternehmensstrukturen stehen regelmäßig das Wohl des Unternehmens und ein partnerschaftlicher Umgang mit Belegschaft und Lieferanten im Mittelpunkt des Handelns der Unternehmensführung. Solch systemisches Denken ist Manageristen fremd. Manche erwecken durch ihr Handeln eher den Eindruck als seien die von ihnen „geleiteten" Unternehmen nur Mittel zum Zweck im Streben nach Macht und Prestige, gewissermaßen Bühne für die mediale Selbstinszenierung. Nur so lassen sich die zahlreichen riskanten, zum Teil aberwitzigen Übernahmeschlachten vergangener Jahre erklären. Dass solche Manöver noch stattfinden, ist fast noch schlimmer – es wurde nichts aus den Desastern gelernt; die Triebfedern sind stärker als die unternehmerische Ratio. Eine noch näher zu beleuchtende, zum Teil dubiose Rolle spielen in diesem Kontext Spitzenfunktionäre der Arbeitnehmervertretungen.

Es stellt sich die Frage, wie der Managerist überhaupt in die Top-Etagen gelangt. Die Charaktereigenschaften und „Fähigkeiten" entsprechende Positionen zu erreichen, sind nicht unbedingt kongruent zu den Eigenschaften und Kompetenzen, die für eine verantwortungsvolle Ausübung erforderlich sind. Der mediale Wandel spielt hier Selbst-Inszenierern in die Hände: Bühne, Rituale und - Medien ermöglichen Wirkung auf Distanz. Distanz zum Publikum, Distanz zu Lieferanten und Distanz zu den eigenen Mitarbeitern.

Managen heißt Führen; das hat immer mit Menschen zu tun. Führen geht nicht auf Distanz. Die Einstellung „Die da unten und ich hier oben" entkoppelt Dinge, die zusammengehören und erklärt die fehlende Bindung (Involvement) so mancher Spitzenmanager zu ihrem Unternehmen. Eine mögliche Folge dieser Distanz ist dann die Flucht in die größere Dimension. Diese äußert sich exemplarisch in Outsourcing rund um den Globus oder Mega-Fusionen. Parallelen zur Politik sind hier auffällig; auch in diesem Metier wird verstärkt die Weltpolitik (in der man im Zweifelsfall wenig ausrichten kann) bemüht, um von den innenpolitischen Hausaufgaben und Problemen des Staatsvolkes abzulenken.

Distanz ist auch ein Thema im Beraterwesen. Jungen Beratern der sog. Top-Consultings fehlt im Wesentlichen die Erfahrung im Umgang mit Menschen im „normalen Betrieb". Da nur auf Top-Ebene beraten wird, bleibt es beim distanzierten Umgang mit Mitarbeitern. Ohne irgendwie geartete Bindung zum Organismus des beratenen Unternehmens werden in einem Klima der Anonymität Ideen und Vorstellungen in Unternehmen hineinprojiziert wie in einer Cyber-Welt. Verantwortungsbewusstsein und kritische Reflexion können sich so nicht entwickeln.

Klaus Demleitner