Dr. Johannes Rauter nimmt umfassend Stellung zu Einsichten Nr. 3 und legt Vorschläge zu "Mehr Beschäftigung" vor:

Droht eine De-Industrialisierung in Deutschland?

Hier meine Sichtweise des Problems, wobei wir im Ziel Konsens haben.

Seine Angst: Die Produktion werde leichtfertig aufgegeben, da sie gering geschätzt werde, sie aber nach wie vor Wohlstandsstütze sei. Daher müssen Wirtschaft und Gesellschaft sie wieder mehr in die Mitte rücken und entsprechend wirtschaftspolitisch handeln. Seine Schlussfolgerung: Innovation, Bildung und Forschung fördern.

Diese Forderungen gibt es zuhauf. Aber ohne die Treiber der Wirtschafts- und damit Gesellschaftsentwicklung zu sehen, gelingen keine zweckmäßigen Schlussfolgerungen.

Treiber 1: Die ökonomische Logik steuert das Geschehen. Diese Rationale folgt dem Marktpotenzial und der Produktivität und damit der Rentabilitätserwartung.

Treiber 2: Die Verfügbarkeit von Risikokapital und Unternehmertalenten

Faktum ist, Deutschland hat eine zu niedrigere Erwerbsquote (55%). Nimmt man die effektive Schweizer Erwerbsquote als Benchmark (66%) und daher als möglich, fehlen 7,5 Millionen Arbeitsplätze hierzulande! Lautlos verschwunden bzw. unter den gegebenen Rahmenbedingungen gar nicht entstanden. Die mittleren Einkommen spüren es an der Steuerlast. Lassen wir 1,2 Millionen a conto „Osten" gehen und 1 Millionen a conto „Fertigungsverlagerungen", dann bleiben noch 5,3 Millionen fehlende Arbeitsplätze. 60% dürfte dem Effekt geschuldet sein, dass das Wachstum schwach, die Produktivitätssteigerungen stärker waren. Am Ende schätze ich, dass rund 2 Millionen fehlender Arbeitsplätze auf die großen Innovationslücken Deutschlands zurück gehen: von Internet bis Gentechnik, von Unterhaltungselektronik bis Chips.

Treiber der echten/gefühlten „De-Industrialisierung" :

  1. Der Arbeitsinhalt existierender Designs industrieller Produkte schmilzt permanent (Lernkurve). Blick zurück: Die Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft war enorm: von 60% der Beschäftigten in diesem Sektor sind wir heute bei 2,1% angekommen. Demselben Muster folgt natürlich die industrielle Produktion. Das bedeutet, dass der Sektor „Produktion" Arbeitskräfte verlieren muss, wenn nicht gleichzeitig ein Wachstum von ca. 6% erreicht werden kann; das gibt es aber in Europa nicht.
  2. Die Logik des Wettbewerbs zwingt dauernd, neue Kombinationen von Produktionsfaktoren und auch Standorten zu wählen, die Wirtschaftlichkeit garantieren, denn Designs industrieller Produkte tendieren immer hin zum Volumen und damit zum Kostenwettbewerb.
  3. Der Wandel von Eigentümerunternehmen zu Kapitalgesellschaften ist ein Innovationshemmnis:
    Große Gesellschaften sind meist Kapitalgesellschaften, die Rendite, möglichst kurzfristig erwirtschaften müssen oder wollen.(Dahinter sitzen auch wir selbst mit unserem kleinen Fondsanteilen). Für so eine Rendite-Orientierung sind Vorleistungen (= Innovation) Gift, Standardinnovation (kleiner, schneller, intelligenter leichter etc.) einfach um mitzuhalten, ausgenommen, diese Kosten muss der Wettbewerb auch aufwenden.
  4. Mangel an Gründern und Gründergesinnung, eine Art unternehmerischer Geburtenrückgang. Unternehmer bringt weniger das Bildungssystem hervor, sondern die Aussicht auf große Handlungsspielräume, Ansehen und/oder Reichtum.

„Unliebsame" Realitäten

Nur eine konkurrenzfähige Industrie darin „die Produktion", wird hier bleiben. Dazu gehören natürlich die Vernetzung von Produktdesign, Fertigungs- und, Werkstofftechnologie, Prozesse und Informationsinfrastrukturen bester Güte.

Siemens hat die Telekommunikations-/(Schwachstrom-)sparte nicht aufgegeben, sondern Siemens konnte sie nicht konkurrenzfähig führen. Zunächst eingelullt von einem verbeamteten Hauptkunden, der Deutschen Post und zweitens durch mangelnde Einsicht, dass man Unternehmenzentralen, wenigstens Entwicklungszentren dorthin bringen muss, „wo die Musik spielt": in diesem Fall in die USA. Und das Drama mit den Handys hat einen wesentlichen Grund: Man konnte mit dem Innovations- und Design-Tempo nicht mithalten.

Übrigens, ich halte nichts von Aufholjagden, die gelingen meist nicht. Besser ein anderes Problem angehen und sich einen Vorsprung erarbeiten.

Wo soll heute neue Beschäftigung herkommen?

  1. Aus der Nutzung unentdeckter Produktivitätsreserven:
    Wo stecken heute die Produktivitätsreserven? Sie stecken in der Güterverteilung und in der enormen Steigerung der Transparenz der Gütermärkte, in der größeren Informationsverfügbarkeit generell. Sie stecken in den internen Prozessen – das ist der Hintergrund der Erfolgsstory von SAP. Ein Risiko hier: "Jobless growth".
  2. Aus dem Wandel von Bedürfnissen entsteht in Bedarf, durch die intelligente Interpretation von Bedürfnissen z.B. von Leuten über 60; ein schnell wachsender Markt.
  3. Aus der Auseinandersetzung mit „Menschheitsproblemen" wie Energieversorgung bzw. Energie-Verbrauchs-Vermeidung; Wasseraufbereitung und Umweltthemen, Gesundheit uam. Produktionsmethoden bzw. Produkte, die mit einem Bruchteil der Rohstoffe und der „Betriebsenergie" auskommen.
  4. Das weite Feld des: „Das Bessere ist der Feind des Guten". Und: Probleme sind Märkte!

Wie sollte Beschäftigung erzeugt werden?

Woraus besteht das Rezept, mehr Beschäftigung in Deutschland (besser Europa) zu generieren (egal ob in Form von Güterproduktion oder Dienstleistung):
Neues forciert entwickeln (Zeithorizont 10 – 30 Jahre zum Erfolg)

  1. Deutlich mehr Risikokapital bereitstellen. Wir haben nur ein Fünftel dessen (relativ gesehen!), was in den USA zur Verfügung steht. Machen wir beim Risikokapital eine Mischform aus rein amerikanischer Vorgangsweise und einer europäischen: Zu gründende staatliche Fonds fungieren als eine Art Rückversicherung für die privaten Risikokapitalgeber. 10 Fonds zu 200 Millionen aufzulegen, würden reichen. Ist vermutlich wirkungsvoller als hunderte von Fördertöpfen.
  2. Auch über die Funktion des Reichtums ist zu sprechen:
    Hier steht die Funktion des Reichtums in unserem Land zur Diskussion. Über rund 450 Milliarden Vermögen verfügen die 300 Reichsten. Sie müssten lediglich 0,5 % einer Jahresrendite in einen solchen speziellen Risikofonds hinein geben (2,25 Milliarden!). Das würde ihr Ansehen in der Gesellschaft enorm verbessern und die Neiddiskussion verstummen lassen. Erinnert sei daran, dass einige der Gründer von SAP ein nachahmenswertes Engagement für Unternehmensgründungen an den Tag gelegt haben.
  3. Unternehmertalente anziehen und fördern.
    Unternehmertum haben wir uns „abkonditioniert" (die 68 iger!), auch indem „soziale Sicherheit" zum übermächtigen Thema gemacht wurde. Wir müssen diese Talente in einer europa- oder gar weltweiten Kampagne motivieren, hier ihre Ideen zu verwirklichen. Dann müssen die viel Geld verdienen können. NRW stellte 2 Millionen für Rückholung von in die USA emigrierten Talenten zur Verfügung, soll das viel sein?

    Es macht mich nachdenklich: Die Intelligenz der Welt kommt nicht in das Deutschland, das meine Generation mitgestaltet hat. Und das liegt weniger am Sprachproblem als an der immer noch etwas distanzierten Haltung unserer Generation dem Fremden gegenüber und wir bieten den jungen Feuergeistern viel zu wenig attraktive Entfaltungs- oder „Spielmöglichkeiten".
  4. Bestehendes, sichern, fördern und ausbauen (vor allem den Mittelstand).
    Da liegen schon viele Vorschläge auf dem Tisch. Aber auch hier gibt es noch Herausforderungen: Kann der Förder-Dschungel nicht gelichtet und können die Mechanismen der Beurteilung und Vergabe nicht transparenter gemacht werden?

    Vergessen wir nicht: 3000 Entlassungen sind schnell ausgesprochen, sie mit Arbeitsplätzen aus Start-ups zu füllen, ist dagegen nur langfristig möglich (aber unabdingbar). Daher ist die Wahrung der Wettbewerbsposition unseres "Stammgeschäftes" ein ganz gewichtiger Faktor, vor allem um den Arbeitsmarkt kurzfristig zu stützen.

Dr. Johannes Rauter, Innobiz WissenWirdWert®, www.innobiz.de