Prof. Dr. mont. Siegfried Augustin ergänzt Einsichten 3 (Prof. Eidenmüller: Hat die Produktion in Deutschland Zukunft):

Bei der Planung von Supply Chains und Supply Networks spielt die Klärung der optimalen Verteilung von Kernkompetenzen zwischen den Partnern eine zentrale Rolle. Im Zuge derartiger Projekte besteht für die Partnerfirmen die Möglichkeit, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren und andere Aufgaben in der Kette nach vorne oder nach hinten zu verschieben. In besonderer Weise ist davon die Produktion betroffen. Vielfach wird rein aus kurzfristigen Kostenüberlegungen heraus entschieden, das Produzieren in Regionen zu verlagern, die niedrigere Produktionskosten aufweisen und sich sich im eigenen Unternehmen auf die „Blaupausenproduktion“, also die reine Produktentwicklung zu beschränken.

Die Realität, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, zeichnet ein doch etwas differenzierteres Bild von Vor- und Nachteilen. Es gibt nämlich zwischen verschiedenen Kernkompetenzen eine innere Kausalität, vor allem zwischen Entwickeln und Produzieren. In Lehrveranstaltungen und Seminaren zum Thema „Internationales Supply Chain Management“, aber auch zur „Optimierung von Kunden-Lieferantenbeziehungen“ wird diese Problematik immer wieder diskutiert, wobei der Artikel von B.Eidenmüller wertvolle Argumentationshilfen liefert. Es sei dahingestellt, ob man bereits von einem Trend sprechen kann – es gibt aber vermehrt Fälle, in denen „Insourcing“ betrieben wird, gewissermaßen Rückholaktionen für ausgelagerte Produktionsbereiche. Häufig liegt der Anstoß dazu in Qualitäts- und in Zeitproblemen, die sich bei einer ganzheitlichen Sichtweise in erhöhten Prozesskosten auswirken. Es wäre aber vermehrt wichtig, sich auf die drohende Verarmung der Industrie durch gewollte und ungewollte Abwanderung von Produktions- und Entwicklungs-Know how in andere Länder und Kontinente zu besinnen. Dadurch wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, denn die Know how-Verarmung in der Industrie führt zwangsläufig zu Know how – Verarmung in Ausbildung, und Lehre.

Ein weiterer Gesichtspunkt kommt noch hinzu, der langsam beginnt, eine Rolle bei der Gestaltung von Wertschöpfungsketten eine Rolle zu spielen: Die Energieeffizienz. Heute wird die Bedeutung der Transporte als Kostenfaktor als wenig relevant angesehen. Ersetzt man jedoch die Kosten durch den Energieverbrauch und den CO2 –Ausstoß und zieht man die wachsende Knappheit vieler Energieträger ins Kalkül, so ergibt sich ein gänzlich unterschiedliches Bild. Auch dies kann sich in neuen Gestaltungskriterien für Supply Chains niederschlagen, bei der das weltweite Outsourcing sowie Global und Local Sourcing Strategien anders zu bewerten sind als bisher.

Der Stellenwert von B.Eidenmüllers Artikel liegt darin, dass er das Augenmerk wieder auf die Chancen gerichtet hat, die in einer engen Verzahnung von Produktion und Entwicklung bestehen – in der Strategischen Unternehmensplanung ebenso wie in der universitären Lehre.

Univ. Prof. Dr. mont. Siegfried Augustin