Dr. KLAUS-J. WERNER, ehemals Siemens AG und Vorstand CFO mcn tele.com AG schreibt zur IKT-Denkschrift :

Zunächst glaube ich nicht, dass Deutschland im IKT Bereich „im weltweiten Vergleich der Industrieländer nur mehr eine mittlere Position ein(nimmt)", wie die Autoren gleich am Anfang feststellen. Diese hätte man anhand von Quoten belegen sollen. Sicher hat eine Verschiebung innerhalb der Produkte stattgefunden: Die Quoten für typische HW wie Rechner, PC's oder Telefone haben abgenommen, hingegen ist der Anteil spezifische/embedded SW für PKW, Navigation, erneuerbare Energien, Bauteile gestiegen. Ursache ist die fortschreitende Diversifikation der Branche verbunden mit Globalisierung, komparativen Vorteilen einzelner Volkswirtschaften.

Nun zu IKT bei Siemens, dem eigentlichen Anliegen der Autoren: Der Kritik an der „Aufgabe der Telefonsparte, der Computer- und Halbleitertechnik" kann man beipflichten.

Die eigentliche „Portfolio"-Stärke von Siemens ist dahin. Ging's „Schuckert" (Energie- und Industrie) schlecht, blühte „Halske" (v.a. Nachrichtentechnik) auf und umgekehrt, „Reiniger" (Medizin) wurde durchgeschleppt und steht heute in Blüte. Diese Portfoliobereinigung mag die Börse schätzen, weil sie aufgrund der Investmentpolitik der Fonds Mischkonzerne nicht besonders mag.

Ja, „Technik hat Siemens zu einem Unternehmen mit Weltruf gemacht". Das hierfür genannte GSM Handy mit Farbdisplay stand allerdings nicht dafür. Ein Farbdisplay war für die damaligen Applikationen zu früh, zu dem Zeitpunkt waren Stromverbrauch und Handlichkeit noch gefragt, was das Siemensprodukt nicht bieten konnte. Und es ist auch richtig, dass die „Struktur und Denkweise als Investitionsgüteranbieter" die Vermarktung von Konsumgütern erschwerten. Aber, welches Unternehmen hat das Problem nicht? Fast jedes Start-up stirbt beim Übergang vom Projekt bzw. Prototyp zum Massen-/Serienprodukt, weil die Prozesse und das Verständnis in Herstellung und Vermarktung vollkommen unterschiedlich sind. Apple hatte bis zu ihrem MP3 Player auch diverse Flops, könnte sicher auch nicht ICE's oder MRT's vermarkten. Und wohl auch nicht in der Behördensprache an den öffentlichen Dienst, wie es Siemens konnte.

„Planwirtschaft und autoritärer Führungsstil" ? Da muss man sich die Welt außerhalb Siemens ansehen. Die Unterschiede kenne ich aus eigener Erfahrung. Siemens war bekannt und geachtet für seine kritischen Mitarbeiter mit offenen Diskussionen, die allerdings die Konsequenzen meist nicht spüren mussten. Wer kennt ihn nicht, den notorischen Nörgler und Besserwisser, der aber nie einer Umstrukturierung zum Opfer fiel. In der Welt außerhalb Siemens kommt es vor, dass morgens unangemeldet der Aufsichtsrat im Büro steht und den Vorstand freistellt; das Bild der Familie darf noch mitgenommen werden.

„Umbrüche in der Technik .. nicht frühzeitig wahr- und ernst genommen"? Doch, zumindest die mir bekannte IKT- Branche hatte eine hervorragende Marktbeobachtung, war die Cash Cow für Berater der Marktforschung. Man kannte als einer der ersten die Bedrohung des Festnetzes durch das mobile, von analog durch digital, der dezentralen Nebenstellenanlage durch Netzlösungen, insgesamt der TDM-Netze und Switche durch IP. Man hat nur falsch und meistens zu früh (re)agiert. Und das ist wohl das Hauptproblem. IP-Netze und Switches z.B. kommen erst jetzt 10 bis 15 Jahre später in den Markt der TK-Carrier

Zu den einzelnen Branchen möchte ich nur zu dem Bereich Stellung nehmen, den ich als Verantwortlicher für das Innovationsmanagement bei Kommunikationsendgeräten kannte: dem Mobilfunk. Es stimmt, dass die Handysparte quasi ein Spin Off der öffentlichen Nachrichtentechnik war. Aber das war kein Fehler! Früh genug wurden die „Handys" ausgelagert in das für Endprodukte kompetentere Geschäftsfeld. Die „Wahrnehmung des Kundenverhaltens, ... die Bedeutung des Designs" wurde keineswegs unterschätzt. Es gab zu jedem innovativen Neuprodukt im Vorfeld Fokusgruppen, Marktbeobachtungen etc.

Die Endgeräte bei Siemens waren Vorreiter im Aufbau eines systematischen Innovationsmanagements und keine „ späte Einrichtung", was sich schon allein daran zeigte, dass die namhafte Beratungsgesellschaft, mit der gemeinsam die Pionierarbeit geleistet wurde, diesen Prozess danach an weitere Unternehmen und Einheiten vermarktete. Und auch blieb es nicht „weitgehend wirkungslos". Siemens Endgeräte waren die ersten, die bereits in den 1990iger Jahren auf der CeBIT Prototypen vom i-Pad (wie es heute heißt), Fotohandy, mobile E-Mail, Schiebehandy uva. präsentierte und z.T. erfolgreich vermarktete. Lange, lange vor dem Wettbewerb.
Was lernen wir daraus? Warum ging trotzdem dieser Bereich wenige Jahre später insolvent? ; aufgrund mangelnder Innovationen, wie es hieß. Ich glaube, Innovationen aus guter und schlechter Erfahrung zu kennen, und sehe drei manageristische Schwachpunkte: Eitelkeit, fehlende Nachhaltigkeit, Inkonsequenz.

  1. Wir waren mit manchen Themen einfach zu früh am Markt, das Window of Opportunity war noch nicht geöffnet für diese Applikationen. Die GSM Netze ließen höhere Datenraten bei Bild und E-Mail noch nicht zu. Der Kunde wollte solche Applikationen einfach noch nicht. „Always online", immer für e-Mails und Videos erreichbar, geortet werden können oder selber zu orten waren damals unvorstellbar, kein „Must have". Der Wunsch nach einem schnellen Erfolg, Sucht nach Beachtung in der Presse machen blind.
  2. Ein weiterer Mangel war die fehlende Nachhaltigkeit. Nach einem Wechsel in der Leitung wurde das Innovationsmanagement aufgegeben, da es als zu kostenintensiv erachtet wurde, wohl auch wegen „Not invented here".
  3. Zur Minimierung der Risiken muss man aus einer möglichst großen Zahl von kreativen Ideen die Produktideen iterativ selektieren und optimieren. Durch ständiges Testen am Markt in Fokusgruppen, Einbindung von Kunden, Entwicklern, Partnern, Zeitpunkt der Vermarktung (zu früh, zu spät?) werden knappe Ressourcen nicht unnütz gebunden für weniger erfolgreiche Produkte, sondern auf ein bis zwei Erfolge konzentriert. Es ist wie beim Weinanbau: Will man einen Spitzenwein, muss man ständig zurückschneiden und nur wenige Trauben, die aber mit höchster Qualität, produzieren. Nein sagen; konsequent handeln war ein Problem bei Siemens.

Konsequent und nachhaltig muss man sein. Nicht eitel oder nur die nächste Stufe auf der Karriereleiter vor Augen haben.