Dr. Ing. A. Inan, als Kenner der „Stromlandschaft“ in Deutschland und Europa setzt sich mit dem Denkzettel Nr. 17 zur Energiewende gründlich, kritisch-konstruktiv auseinander:

Persönlich bin nicht gegen und auch nicht für die Kernkraft; wobei gesagt werden muss, dass hier beide Seiten emotional und auf sich selbst bezogen argumentieren. Das gilt auch für die großen EVUs, die die Kernenergie als „Melkkuh" betrachtet haben. Und die andere Seite macht die Augen zu, wenn es um das benachbarte Ausland geht.

Folgende Punkte sollten aus meiner Sicht bedacht werden:

  1. Bei der Kernenergie war und ist die Entsorgung nicht gelöst. Die Kosten dafür wurden von den EVUs nie auf der Waagschale gelegt; die Entsorgung war sozusagen eine öffentliche Aufgabe. Betrachtet man aber die Gesamtkosten, dann ist die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie gegenüber anderen Arten fraglich; man will es auch gar nicht wissen.
  2. Der Ausbau der Netze zur flächendeckenden Aufnahme und Verteilung ist sehr Investitionsintensiv; so war es aber auch zu Beginn der Kernenergie vor 30 /40 Jahren. Damals wurde ohne Bedenken staatliches Geld in die Hand genommen.
  3. Die Europäische Energievernetzung ist heute ein Faktum, d. h. sie existiert und funktioniert. Technisch wird durch sie die Energiewende in Deutschland nicht beeinträchtigt, eher im Gegenteil: die Europäische Vernetzung unterstützt die dezentrale Energieversorgung.
  4. Die Abhängigkeit von Russland bewerte ich nicht so kritisch. Europa muss Russland auf mittlere und lange Sicht ohnehin mit einbinden. Auch bei Kernenergie ist man von Uranimporten abhängig.
  5. Eine technologiespezifische Förderung ist im Grunde nicht falsch, denkt man an Honeywell, wo Grundlagenforschung immer noch ein Thema ist - im Gegensatz zu beispielsweise Siemens. Auch in Japan hat MITI immer aufkommende Technologien gefördert. Das machen ihnen die Chinesen nach, z. B. bei Akkus/Batterien. Da sind wir nicht vorne! Die elektrochemischen Lehrstühle und Institute wurden in Deutschland vor Jahren dichtgemacht. Weitsichtig?
  6. Wir sollten Forschungsgelder nicht mit der Gießkanne auf dutzende Hochschulen verteilen, die quasi wegen ihres Status als Hochschule meinen einen Anspruch zu haben. Diese Art von Forschungsförderung betreiben bedauerlicherweise BMWi und die EU. Vor allem Länder wie Spanien kassieren EU-Forschungsgelder in großem Umfang, bei häufig wenig Kompetenz.
  7. Stromeinsparung und Energieeffizienz als primäre Aufgabe liegen auf der Hand. Da haben wir in Deutschland ohnehin eine Spitzenposition. Im Vergleich dazu verhält man sich in Frankreich wie in der ehemaligen DDR: Heizen bei offenen Fenstern, weil genügend Strom da ist.
  8. Die vorgebrachten Argumente sind nicht immer zu Ende gedacht und hinreichend umfassend. Dennoch stimme ich zu, dass die Energiewende zu hastig beschlossen und zu einem politischen Instrument missbraucht wurde.

Dr. Ing. A. Inan