Prof. Dr. Ulrike Reisach, kommentiert Einsichten Nr. 7 (Das Gemeinsame der drei weltweiten Krise der letzten zehn Jahre) mit Blick auf das Shared Value Konzept:

Die Analyse der gemeinsamen Ursachen und Merkmale der Wirtschaftskrisen der letzten zehn Jahre zeigt treffend manageristische Untugenden und stellt diesen als Postulate wirtschaftsethische Forderungen gegenüber. Dabei greifen die Autoren auf aristotelische bzw. benediktinische Werte (Maß halten) und traditionelle kaufmännische Tugenden für Unternehmen und Staaten zurück. Beim letzten und entscheidenden Punkt jedoch, bei der Art und Weise der Gewinnerzielung (Forderung Nr. 5, Seite 7-8), werden Michael E. Porter und Mark R. Kramer mit ihrem Shared Value Konzept zitiert. Dies überrascht insofern, als darin ein „neuer Ansatz“ gesehen wird. Wenn Alexy und Wittmann damit „neu für die USA“ meinen sollten, so hätten sie Recht. Für Deutschland jedoch handelt es sich beim Porter’schen Ansatz um „alten Wein in neuen Schläuchen“. Denn in Deutschland ist die Überzeugung, dass unternehmerische Tätigkeit noch einen Zweck jenseits des Gewinns haben sollte,  in der Sozialen Marktwirtschaft fest verankert. Dies schreiben auch Alexy und Wittman genau eine Seite vorher, bei Forderung Nr. 3 „Zivilisiert den Kapitalismus“.

Das Heranziehen von US-Autoren ist in der Betriebswirtschaftslehre verbreitet, es macht sich gut, eine Management-Ikone zu zitieren, um  die BWL mit vermeintlich innovativen Ansätzen anzureichern – getreu dem Motto: Alles Gute in der BWL kommt aus den USA. Dass dem nicht so ist, haben die vergangenen Krisen eindrucksvoll gezeigt. Allzu gerne bewundern wir die Management-Gurus und folgen dem Harvard Business Manager, der den Artikel Porters und Krämers mit den Worten „Die Neuerfindung des Kapitalismus“ tituliert. Staunend vernehmen wir dort, was wir schon lange wissen: dass Werte mehr sind als Aktienwerte und eine „höhere Form des Kapitalismus“ darin besteht, dass Gewinne auch einem höheren Zweck dienen. Ein deutscher Pfarrer hätte es nicht schöner sagen können. Zwar ist es begrüßenswert, dass nun endlich auch eine Größe wie Porter dies propagiert. Doch in Deutschland müssen wir nicht unbedingt in die USA blicken, um zu lernen, was nachhaltige Wertschaffung und gesellschaftlich wertvolles Unternehmertum bedeuten. Viele deutsche mittelständische und Familienbetriebe tun dies auf vorbildliche Weise und auch einige große sind dabei, ihr ursprüngliches Selbstverständnis wieder­zuentdecken.

Prof. Dr. Ulrike Reisach