Dr. Ulrich Mössner, Managementpraktiker und Buchautor, schreibt zur Denkschrift Nr. 6 (Neuausrichtung der BWL/Managementlehre):

Aufgrund der Praxis-Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnte kann man die Vorschläge von Herrn Hoefle für eine Reform der BWL/Managementlehre nur unterstützen. Sie erscheint auf Grund der aufgezeigten Fehlentwicklungen mehr als überfällig. Zu den Vorschlägen im Einzelnen:
Die Einordnung der BWL als „Handlungslehre“ und ihre „Befreiung“ von den meist in die Irre führenden Ansprüchen der Wissenschaftlichkeit würde ihre Praxisrelevanz deutlich erhöhen. Denn zugunsten der Verwissenschaftlichung und Mathematisierung müssen vorab durch geeignete Prämissen geschlossene Modelle konstruiert werden, die mit der Unternehmenspraxis meist nicht mehr viel gemein haben. Stattdessen sollten vermehrt gesicherte Erkenntnisse aus der Sozial-, Organisations- und Hirnforschung genutzt werden, denn BWL hat sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens vorwiegend mit Menschen zu tun.

Als jemand, der neben BWL auch ein komplettes Technik-Studium absolviert hat, kann ich auch die Forderung nach einem Grundverständnis für Technologie, Innovation und Produktion nur unterstützen. Die Wertschöpfung läuft in Deutschland glücklicherweise noch zu einem großen Teil über Technologie und diese verschafft unserer Wirtschaft auch ihre Weltgeltung und Exporterfolge. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Technikern und Kaufleuten und damit ein besseres Grundverständnis der BWL-Absolventen für Technologie und umgekehrt der Ingenieure für kaufmännische Belange. Heute reden beide noch teilweise „unterschiedliche Sprachen“.

Ganz wesentlich erscheint auch mir die bewusste Vermittlung von Verantwortung. Hier müsste nach meiner Meinung aber tiefer angesetzt werden. Denn die Erosion der Verantwortung hängt ganz eng zusammen mit dem Siegeszug der neoliberalen Denke in Theorie und Praxis. Die bewusste Verengung der „Verantwortung“ auf den Shareholder Value, die Kopplung dieses einseitigen Ziels mit teilweise absurd hohen Tantiemen bzw. Boni, die zunehmende Verkürzung des Entscheidungshorizonts und der zunehmende spekulative Einfluss der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft führen zwangsläufig zu einer strukturellen Verantwortungslosigkeit.

Dr. Ulrich Mössner