Klaus-Dietrich Kahl, Diplomkaufmann, Unternehmensberater, merkt zu „Zeit für eine Neuausrichtung der BWL/Managementlehre“ (Denkschrift Nr. 6) an:

Bereits aufgrund der Mitteilung von Herrn Giersberg in der FAZ v. 2.4. schrieb ich Ihnen von meiner Begeisterung über diese Ihre Initiative. Diese Begeisterung besteht bei mir nach der Lektüre der Schrift auch nach wie vor, vor allem weil endlich einmal das angemaßte Supremat der angel-sächsischen Wirtschaftswissenschaften angegriffen wurde.

Allerdings ist dabei ein ganz wichtiger Aspekt nicht genügend berücksichtigt, nämlich dieser:

„Vierkörperproblem"

In der veröffentlichten Meinung zur Wirtschaftspolitik wird die Wirtschaft immer quasi als ein „Drei-körpersystem" aus Markt, Staat und Zivilgesellschaft dargestellt. Tatsächlich hat sich ein vierter Machtfaktor zwischen Markt und Verbraucher geschoben, nämlich der der großen Konzerne. Diese arbeiten vernetzt und global und haben schon von daher große Kosten- und oligopolistische Marktvorteile. Diese verstärken sie aber, indem sie unter rücksichtsloser Ausnutzung der daraus resultierenden Finanzmacht – vor allem in USA, aber auch sonst in der westlichen Welt –Scharen von Lobbyisten einsetzen, die auf Wissenschaft, Rechtsprechung und politisches System einwirken. Diese desaströse Situation ist hervorragend dargestellt in dem neuen Buch von Colin Crouch: „Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus" (The Strange Non-Death of Neoliberalism), das für nur € 4,50 bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn zu bekommen ist.

Maßnahmen

Zusätzlich zu den in Ihrer Schrift geforderten Maßnahmen sollte daher folgendes anvisiert werden:

  1. Angebliches „Systemisches Risiko"
    Die Lobbyisten haben es erreicht, daß europaweit die Verluste aus der großen Krise vergesellschaftet wurden; ebenfalls, daß die „No-bailout-Regel de facto außer Kraft gesetzt wurde.
  2. Gewinnausweise
    Ebenfalls auf Druck von Lobbyisten, aber auch mit Unterstützung durch willfährige deutsche Betriebswirte, wurde das gläubigerschutzorientierte, stringente und bewährte deutsche Bilanzrecht ersetzt durch die biegsamen Fair Value-Bewertungen, die den Ausweis nicht realisierter Gewinne bei steigenden Kursen erlaubte; bei sinkenden Kursen sollte dann plötzlich wieder der An-schaffungswert gelten. Erfreulicherweise hat sich jetzt eine Initiative gebildet, die wenigstens für das Herz der deutschen Industrie, nämlich die mittelständischen Unternehmen, das Niederstwertprinzips sichern will.
  3. Bilanzwahrheit
    Maßgeblich beteiligt an der Krise waren neben den Hochschulbetriebswirten auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Diese haben die im Gefolge der komplizierten IFRS-Einführung entstehenden Honorare gern eingestrichen und Bilanzen testiert, deren Bestandteile bei strikter Befolgung berufsethischer Grundsätze zumindest hätten hinterfragt werden müssen. Hier müsste das IdW endlich initiativ werden. Wünschenswert wäre auch, wenn die EU-Kommission tätig würde.
  4. Deutsche Sprache in der BWL
    Es hatte sich in der großen Krise erwiesen, daß die aus Amerika herübergeschwappte BWL ins-gesamt ein Nonvaleur war, wenn man nicht gar z.T. von bewusster Irreführung sprechen muß. Umso mehr ist zu fordern, daß die kontinentaleuropäische BWL sich auf ihre eigenen Stärken besinnt und die Forschungen in ihren eigenen Muttersprachen durchführt und kommuniziert. Wenn gar die traditionsreiche ZfB sich dem Diktat der anglophilen Nachwuchskräfte beugt, und zukünftig nur noch auf Englisch erscheinen soll, dann kann man dieses nur als einen Irrweg bezeichnen. Akzeptieren könnte man allenfalls die Lösung der ZfbF, die einen englischsprachigen Ableger (Schmalenbach Business Review) neben der deutschsprachigen Hauptzeitschrift unterhält."


Klaus-Dietrich Kahl