Prof. Dr. Bodo Eidenmüller, Experte in Sachen Produktion und guter Kenner von Peter F. Drucker ergänzt Einsicht Nr. 8:

Es ist zu begrüßen, das Manfred Hoefle nicht nur auf die bekannten Erfolge Peter Druckers, des großen Managementdenkers, hinweist, sondern, dass er auch auf die wenig bekannte Seite Druckers eingeht. Hoefle verweist hier auf die christlich fundierte Denkweise als Grundlage seiner Managementlehre. Für Drucker, der das Führungsdenken wie kein Zweiter geprägt hat, geht es im Management vor allem um Menschen.

Als Vordenker des modernen Managements hat Peter Drucker uns heute noch viel zu sagen. Er war auf dem Weg in die Wissensgesellschaft zugleich Chronist, Mahner und Visionär dieser Wendezeit. Einer Wendezeit, in der wir mit allen ihren Problemen auch heute noch leben.

Drucker wies in seinen Schriften frühzeitig auf die Zukunft von Arbeit und Kapital und auf die neue Bedeutung des Wissens hin. In seinem Buch: „Die post kapitalistische Gesellschaft beschrieb er den heute zwar unbestrittenen dabei aber oft auch kontrovers diskutierten Weg des Strukturwandels. Bei seinem Plädoyer für die Anwendung des Wissens auf die Arbeit hob er auch die Leistungen von Frederick Winslow Taylor, auf dem Gebiet der Produktivitätssteigerung der Arbeit, hervor. „Wenige Personen in der Geistesgeschichte" – so führte er aus" – „bewegten mehr als Taylor. Wenige wurden so willkürlich missverstanden und mit so viel Eifer falsch zitiert". Taylor war in seinen Methoden zum Teil fortschrittlicher und humaner orientiert, als die derzeitigen Protagonisten des Lean Managements, die sich um die Auswirkungen der von ihnen getroffenen Maßnahmen weniger kümmern als Taylor dies tat.

In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts hatte Taylor das Wissen, das bis dahin vor allem auf Werkzeuge, Produkte und Verfahren angewendet worden war, erstmals auf das Studium der Arbeit, auf die Analyse der Arbeit und auf die Technik der Arbeit bezogen. Taylors Axiom, dass jegliche Arbeit durch den Einsatz von Wissen analysiert und besser organisiert werden kann, ermöglichte den Unternehmen, billige Arbeitskräfte ohne jede Ausbildung in kurzer Zeit für Teilaufgaben eines Facharbeiters zu schulen und einzusetzen. Die Anwendung des Wissens auf die Arbeit führte zu einer gewaltigen Produktivitätssteigerung.

Mit dem Strukturwandel auf den Märkten, in der Technik und Gesellschaft und der Einführung der Lean Production vollzog sich eine Abkehr von den bisherigen Prinzipien und Methoden der von Taylor entwickelten wissenschaftlichen Betriebsführung. Ende des 20. Jahrhunderts wurde Taylors Lehre als Taylorismus fast nur noch im kritischen, meist negativen Zusammenhang gesehen. Es wurde zwar anerkannt, dass durch die Zerlegung der Arbeit in immer kürzere, sinnentleerte monotone Arbeitsfolgen die Industrialisierung einen enormen Schub erhalten hatte, zunächst in den USA und Europa und später in den Entwicklungsländern. Die minimalen Anforderungen, die an den Industriearbeiter gestellt wurden, hatten die Anlernzeit auf ein Minimum reduziert, der Arbeiter selbst wurde austauschbar. Die heute so wichtige aktive Einbeziehung des Mitarbeiters in den Produktionsprozess mit der Forderung nach ständigen Qualitätsverbesserungen (Kaizen) fand bei einer Trennung von Kopf- und Handarbeit nicht statt.

Unabhängig davon sollten jedoch Taylors Grundsätze, die darauf hinauslaufen, Arbeitsmethoden und –abläufe aufgrund von systematischen Analysen zu entwickeln, anstatt sich auf Tradition und Faustregeln zu verlassen, nach wie vor beachtet werden. Die klassischen Aufgaben des Industrial Engineering, die Taylor seinem Planungsbüro zugeordnet hatte, nämlich des Messens, des Messens der Zeit und des Messens der Kosten sind heute so aktuell, wie vor über hundert Jahren, als Taylor feststellte, dass „die Leitung nicht weiß, wie viel Zeit man braucht, um eine Arbeit, einen Auftrag auszuführen". Diese Erkenntnisse werden jedoch vielfach ignoriert. Die Folgen einer solchen Unkenntnis sind heute eher noch gravierender als zur Zeit Taylors, vor allem was die richtige Steuerung der Produkte in ihrem Durchlauf durch den Betrieb und die Beherrschung der Fertigungskosten betrifft. Aufgabe des Produktivitätsmanagements zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist es daher, auf die Bedeutung dieser Grundsätze hinzuweisen und sie in den Methodenkasten der Lean Production einzubauen.

Da eine Steigerung der Produktivität der manuell arbeitenden Menschen in der Fer­tigung künftig allein keinen wesentlichen Wertzuwachs mehr bewirken kann, wird die Produktivität der nicht manuell werkenden Arbeitnehmer in Zukunft für das Überleben eines Unternehmens in der globalisierten Welt entscheidend sein. Dies aber erfordert die Anwendung des „Wissens auf das Wissen." (Drucker) Nachdem Produktivität die ausschlaggebende Ressource für Wettbewerbsvorteile ist, müssen die Führungskräfte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts einer neuen Herausforderung stellen: der Erhöhung der Produktivität der Wissens- und Dienstleistungsarbeiter.

Die Steigerung der Produktivität sowohl im Wissens- wie auch im Dienstleistungsbereich erfordert neue Konzepte und Denkansätze und kann nur auf dem Weg der Partnerschaft erreicht werden. Hierauf wies Peter Drucker in seinen Schriften nachdrücklich hin.

Man muss aber auch erkennen, dass der Weg in die Wissensgesellschaft zum Ausschluss Vieler aus der modernen Arbeitswelt führen kann. Es entstehen zwar Tätigkeiten, die im gesteigerten Maße auf Wissen, jedenfalls auf dem Umgang mit Informationen beruhen. Die Talente der Menschen sind jedoch unterschiedlich, und viele haben nicht die Voraussetzung (Ausbildung), Informationen nicht nur als Instrument der Anwendung, sondern als Quelle neuer Informationen (Ideen) einzusetzen. Wenn man das Wissen und die Hochqualifizierung der Menschen zur wesentlichen Ressource unseres Landes erklärt, dann macht man die angelernte Arbeit allerdings zum Auslaufmodell – und dies in einer Zeit, in der die Arbeitsmarktpolitik eine hohe Priorität hat. Die Arbeitstugenden, die in der einfachen Produktion zum Zug kommen und die lange Zeit ganz fraglos Anerkennung fanden, werden dann entwertet. Die Aufteilung der Arbeit ermöglichte ja den Einsatz einer großen Anzahl gering qualifizierter Menschen in der Industrie und führte im zwanzigsten Jahrhundert durch die Erfolge der Massenproduktion zu Wachstum und Blüte der Industrienationen.

Heute wird oft darauf hingewiesen, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland voraussichtlich bereits in wenigen Jahren durch eine hohe Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten und – aufgrund der demographischen Entwicklung - einem Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften gekennzeichnet sein wird. Der Mangel an Facharbeitern wird als Problem für die weitere Entwicklung der Industriearbeit in Deutschland angesehen. Im Produktionsbereich muss daher über Lösungsmöglichkeiten nachgedacht werden. Dazu gehören angepasste Arbeitsstrukturen für ältere Mitarbeiter, die dadurch länger am Arbeitsleben teilnehmen können (z. B. Fit for Age- Programm.), die Erhöhung des Frauenarbeitsanteils, die Zuwanderung von qualifizierten ausländischen Fachkräften und - die Aufteilung der Arbeit.

Zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben würde Druckers Botschaft heute lauten: Bieten Sie Ihren Mitarbeitern die Mittel, mit denen sie den größten Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten können.

Prof. Dr. Bodo Eidenmüller