Klaus Hannemann, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender von Siemens in Erlangen und langjähriges Mitglied der IG Metall sieht das so (Denkzettel Nr. 29):

Vermachtung gibt es überall

Vermachtung ist kein Problem das sich auf wenige Konzerne beschränkt. Vermachtung können wir überall in unserer Gesellschaft beobachten: In Unternehmen genauso wie in der Politik beispielsweise bei der Art wie die Bundeskanzlerin die CDU, Ihren Wahlkampf, ihr Kabinett oder die europäische Union führt; wie bei den Entscheidungen über Großprojekte (Hamburger Elbphilharmonie, Berliner Flughafen, Bahnhof in Stuttgart, ...); ganz zu schweigen von der Machtausübung der großen Banken, superreicher Finanzspekulanten oder den Entscheidungsprozessen in den Geheimdiensten dieser Welt. Demgegenüber ist das Problem in der Spitze von IG Metall und Gesamtbetriebsräten großer Konzerne klein. Richtig ist, dass wir uns auch gegen diese Form der Vermachtung wehren müssen. (Mehr)

Ich halte es für richtig, dass neben den Betriebsräten des jeweiligen Unternehmens auch die Gewerkschaften in den Aufsichtsräten dieser Republik ordentlich vertreten sind. Allerdings sollte die Politik der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat im Wesentlichen von den Betriebsräten bestimmt sein. Die kennen sich im Unternehmen am besten aus und wissen, wo etwas aus dem Ruder läuft. Darauf zu achten ist schließlich die erste Aufgabe der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat.
Bei der igmetallinternen Aufstellung ihrer Betriebsratskandidaten für den Aufsichtsrat wird jedoch offensichtlich sehr stark danach entschieden, wer die meisten IGMetallmitglieder in seinem Betrieb hinter sich hat und ob die Bezirke der IG Metall ihrem igmetallinternem Gewicht entsprechend vertreten sind. Die fehlende Vertretung technisch ausgebildeter Arbeitnehmer und Ingenieure im Aufsichtsrat der Siemens AG zeigt, dass diese Vorgehen ernsthafte Schwächen hat. In einem technisch ausgerichteten Unternehmens in dem die Arbeitnehmer mit technischen Hochschulabschluss inzwischen die größte Arbeitnehmergruppe stellen, wäre eine andere Struktur der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sicher angemessener.

 

Zentralisierung von Macht verringert Realitätsbezug

Die Zentralisierung von Macht korrespondiert mit dem Bedürfnis der Entscheidungsträger zur Vereinfachung. Komplexe Dinge so weit zu vereinfachen, dass sie auch aus großer Flughöhe für alle Beteiligten angemessen entschieden werden können, ist vergleichbar mit der Quadratur des Kreises. In solchen Situationen ist es naheliegend, die Vereinfachung dadurch herzustellen, dass man seine Entscheidungen auf die Darstellungen eines kleinen, möglichst gleichbleibenden internen Kreises gründet. So entstehen schnell Scheinwelten mit eigener Dynamik in der die Realität nur noch in Ausschnitten existiert.

Angesichts der Komplexität und Vielfalt - auch in der Siemens AG - wird man so nur recht begrenzt erfolgreich sein können. Dazu müssen an allen Stellen unserer Gesellschaft, nicht nur bei den Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsräten der großen Konzerne, Wege gefunden werden, auf denen fachkundig, kontrovers und ergebnisoffen diskutiert wird mit dem Ziel einer konstruktiven Lösung unter Einbeziehung unterschiedlicher Teil-Realitäten. Dafür neue Wege zu finden ist überall unsere Aufgabe nicht nur in der Mitbestimmung.

Klaus Hannemann