Eckart-A. von Unger hat eine Reihe von Anmerkungen zur Denkschrift Nr. 12
(Die Zukunft der Produktion in Deutschland):

 

„Diese Denkschrift deckt nahezu alle denkbaren Aspekte der Zukunft der Produktion in Deutschland in hervorragender Darstellung ab. Nachfolgend einige – sicherlich mehr
ergänzende – Anmerkungen aus meiner Sicht:

- Deutschland hat heute (noch) eine gute Position in der industriellen Fertigung, doch diese Position kann nur bewahrt und ausgebaut werden, wenn wir die Innovation zügig vorantreiben. Auch hier gilt, ein Stehenbleiben bedeutet ein Zurückfallen und damit ein Ausscheiden aus dem Wettbewerb, vgl. die Situation von Siemens in der Kommunikationstechnik, wo man sich zu lange auf Bewährtem (cash cows) ausgeruht hat und die drohende Substitution durch eine neue Technologie verschlafen hat.

- Ich stimme mit den Aussagen von Herrn Prof. Dr. Eidenmüller überein, dass wir praktisch keine Chance mehr haben, Verpasstes wieder aufzuholen, vgl. in der IT oder in der Kommunikations-technik. Doch in der Steuerung produktionstechnischer Prozesse und anwendungsbezogener Prozesse (Verfahrens-Technik) haben wir noch eine Position, die sich verteidigen und ausbauen lässt. (Lt. Herrn Kaeser bei seinem Vortrag vom 2. Dez. im Audimax der TU „kommt man auf diesem Gebiet an Siemens nicht vorbei, auch wenn evtl. bei anderen Herstellern bestellt wird").

- Bei Zahlen der Zuordnung von Beschäftigten zu primärem, sekundärem oder tertiärem Sektor (nach Fourastié) neige ich zu etwas vorsichtigem Gebrauch. Die Tendenz ist grundsätzlich zutreffend, jedoch noch für größere Gesamtheiten aussagefähig, sonst wirken sich organisatorische oder statistische Veränderungen zu stark aus, z.B. wenn ein Produktionsbetrieb Teilfunktionen, wie Planung oder Wartung auf einen externen Dienstleister ausgliedert (evtl. mit Versetzung von Mitarbeitern), dann weist der Produktionsbetrieb einen hohen Produktivitätszuwachs aus und das Dienstleistungssegment steigt an, doch kostenmäßig ist die Veränderung u.U. marginal.

- Bei einigen Rückverlagerungen von Produktionen aus dem Ausland zurück nach Deutschland sollte noch erwähnt werden, das ist der Zeitfaktor, eng verknüpft mit einer kundenorientierten Flexibilität.
Lieferungen aus dem Ausland sind zeit- und kostenaufwendig und konterkarieren u.U. die niedrigeren Produktionskosten im Ausland.

- Bei einer Firma, wo ich dem Gesellschafterkreis angehöre (Greiferfertigung) ist ein wichtiges Wettbewerbsmoment, die Verfügbarkeit von hochfesten Stählen. D.h. Förderung der technologischen Kompetenz – auch auf Gebieten wie dem Stahl – ist wichtig für unseren Wettbewerbsvorteil.

- Bei einer Rückverlagerung einer Produktion von Südostasien war maßgebend, dass inzwischen die Produktionskosten weniger von preiswerten manuellen Tätigkeiten abhing, sobald vollautomatisch gefertigt werden kann und damit weniger wichtig war, wo dieser Automat steht, sondern die kurzfristige Verfügbarkeit der Produkte beimKunden.

- Wie schon im Artikel beschrieben, sehe auch ich in der weniger guten Wertschätzung von MINT-Studien und -Tätigkeiten ein Problem: Technik und Mathematik gelten als „schwierig" und werden deshalb gerne gemieden. Außerdem gilt die Bezahlung in den MINT-Positionen in den Unternehmen als geringer gegenüber betriebswirtschaftlichen und juristischen Positionen.

- Für eine Beurteilung von technischen Entwicklungen und den dafür notwendigen Voraussetzungen ist ein hinreichender technischer Sachverstand unverzichtbar. Umso bedenklicher ist die Zusammen-setzung der Verhandlungsgremien für die „GroKo": nahezu keine (entscheidungsfähige und risikobereite) Wirtschaftsvertreter und nahezu keine technisch kompetenten Mitglieder.

- z.B. noch eine Zahl, die Herr Kaeser auf dem o.a. Symposium von sich gab: Wir geben derzeit für die erneuerbaren Energien p.a. ca. 23 Mrd € aus und erhalten dafür einen Gegenwert von 3 Mrd. €, wenn man die erzeugte Leistung mit den Preisen an der Strombörse in Leipzig bewertet. Vor diesem Hintergrund sollte man die Geschwindigkeit des Abschaltens von technisch voll funktionsfähigen Kernkraftwerken nochmals überdenken – noch dazu, wenn man für die auftretende Energielücke wieder umweltschädliche Kohlekraftwerke hochfährt.

- „die Produktion muss den Märkten folgen" ist richtig, doch bisher hat man es verstanden, Kernkompetenzen möglichst noch im eigenen Land zu halten, z.B. beim Fahrzeugbau die Fertigung und Weiterentwicklung der Motoren und insbesondere die Motorsteuerung. Hier wird man nachdenklich, wenn man hört, dass Daimler – um in dem chinesischen Markt Fuß zu fassen – erstmals die Motorenfertigung der E-Klasse in China aufbauen muss (dem Vernehmen nach war das eine Bedingung der chinesischen Partner)."

Eckart-A. von Unger